Rezension Anna Mayr – Die Elenden

Rezension Anna Mayr – Die Elenden

Autor: Anna Mayr
Titel: Die Elenden
Herausgeber: Hanser Literaturverlage
Datum der Erstveröffentlichung: 17. August 2020
Buchlänge: 208 Seiten
ISBN: 978-3-446-26840-1
Preis: HC 20,00€ / eBook 15,99€
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♥ Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt 

 

 

Anna Mayr war noch ein Kind und schon arbeitslos. Sie ließ die Armut hinter sich, doch den meisten gelingt das nicht – und das ist so gewollt. Dieses Buch zeigt, warum.

Faul. Ungebildet. Desinteressiert. Selber schuld. Als Kind von zwei Langzeitarbeitslosen weiß Anna Mayr, wie falsch solche Vorurteile sind – was sie nicht davor schützte, dass ein Leben auf Hartz IV ein Leben mit Geldsorgen ist und dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Früher schämte sie sich, dass ihre Eltern keine Jobs haben. Heute weiß sie, dass unsere Gesellschaft Menschen wie sie braucht: als drohendes Bild des Elends, damit alle anderen wissen, dass sie das Richtige tun, nämlich arbeiten. In ihrem kämpferischen, thesenstarken Buch zeigt Mayr, warum wir die Geschichte der Arbeit neu denken müssen: als Geschichte der Arbeitslosigkeit. Und wie eine Welt aussehen könnte, in der wir die Elenden nicht mehr brauchen, um unseren Leben Sinn zu geben.

Quelle: Hanser Literaturverlage

 

 

 

2,8 Millionen Kinder und Jugendliche leben hierzulande in Armut – das heißt, mehr als ein Fünftel aller unter 18-Jährigen.
Viele macht diese Zahl bestimmt traurig, betroffen und vielleicht sogar ein wenig ohnmächtig, aber Anna Mayr macht sie wütend.
Und deswegen hat sie ein Buch darüber geschrieben – Die Elenden heißt es und ich war wirklich gespannt auf den Inhalt, denn allein der anklagende Untertitel: Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht hat mich unglaublich neugierig gemacht.

Ich selbst war zum Glück noch nie in der Situation über einen längeren Zeitraum Arbeitslosengeld oder speziell Hartz VI zu beziehen. Meine Erfahrungen mit dem Arbeitsamt belaufen sich auf lediglich darauf, dass ich dort aufgrund meines Elternurlaubes vorstellig werden musste, da ich damals mein Einkommen aufstocken wollte.
Aber schon dieser kleine Berührungspunkt hat mir gereicht, um mich minderwertig zu fühlen, denn für die Zeit der Aufstockung musste ich Kontoauszüge vorlegen, Kurzurlaube bei den Großeltern meiner Tochter beantragen und meinen Gesamtvorrat an Ersparten offenlegen und danach ausgeben, um überhaupt ein Anrecht auf dieses Geld zu haben. Versteht mich nicht falsch, ich bin froh über diese Möglichkeit, die mir als Mutter hier geboten wurde, aber dennoch hatte ich das Gefühl, dass ich keinem der Mitarbeiter auf dem Amt willkommen war.
Die Blicke gaben mir das Gefühl nicht genug zu sein, weil ich es aus eigenem Antrieb nicht schaffe, meinen Lebensunterhalt selbst zu finanzieren und dabei habe ich lediglich ein Kind geboren. Wie muss das wohl sein, wenn man dort aus ganz anderen Gründen hinmuss? Um Hilfe zu bitten um überhaupt überleben zu können?

Um es gleich vorneweg zu nehmen: Ich werde in meiner Rezension nur meine persönlichen Gefühle beschreiben, die ich beim Lesen von Die Elenden hatte und nicht auf Lücken hinweisen, die vielleicht so manche Befunde der soziologischen Arbeitsmarktforschung bietet.
Ich habe nicht ausgiebig recherchiert, ob gewisse Punkte richtig dargestellt sind, sondern mich einfach nur von den Worten von Anna Mayr lassen und auch dadurch gewisse Dinge in einem anderen Licht gesehen.

 

Jedes Hobby, das der Arbeitslose aufnimmt, wird sich automatisch an der allgemein angenommenen Sinnhaftigkeit einer Lohnarbeit messen müssen. Wer Arbeit hat, der darf seine Freizeit mit jedem möglichen Schmarrn verbringen. Wer keine Arbeit hat, hat auch keine Freizeit, ihm ist keine Erholungspraktik gegönnt – denn er tut ja nichts, wovon er sich erholen müsste.
(Seite 69)

 

Als Kind zweier Langzeitarbeitsloser weiß die Autorin, was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein und am Rande der Gesellschaft zu leben. Ausgegrenzt zu sein.
Und deshalb merkt man in gewisser Weise schon deutlich, dass sie Die Elenden mit Wut geschrieben hat, die ich teilweise selbst gut nachvollziehen konnte.
Was bedeutet Arbeitslosigkeit für die Betroffenen und welche Funktion spielen sie in unserer Gesellschaft?
Laut Anna Mayr sind es vor allem folgende Punkte: Ein Mittel zur sozialen Abgrenzung nach unten einerseits und andererseits ein Drohmittel, um Menschen dazu zu bringen, schlecht bezahlte und prekäre Jobs anzunehmen.
Und wenn man sich die eingangs genannten Zahlen noch einmal vor Augen führt wird außerdem klar: Oft haben Arme Kinder arme Eltern.
In unserer Gesellschaft ist Konsum wahnsinnig wichtig und wenn man davon ausgeschlossen ist, hat man nur bedingt eine Chance, sich eine Identität aufzubauen. Man muss quasi zu den billigen Modeketten und kann dort zwar auch wählen, was man tragen möchte, aber trotzdem sieht man den meisten Sachen an, dass sie für eben nicht von großen Marken wie Tommy Hilfiger oder S. Oliver kommen. Und so wird Armut schnell zum Stigma – wer nichts hat wird ausgegrenzt und muss leider oft draußen bleiben.

Sie denkt auch weiter und beschäftigt sich mit einer Lösung des Problems. Minijobs oder gar schlecht bezahlte Arbeit hält sie nämlich für völlig falsch, da sie nur die Symptome lindern und auch Sozialarbeiter, Jugendhelfer und Psychologen seien wahnsinnig teuer. Es kostet deutlich mehr als Hartz IV. Wenn wir dieses Geld einfach den Familien geben – was würde da passieren? Ich glaube, es würde funktionieren, weil die Teilhabe in unserer Gesellschaft über Geld funktioniert.

Ob die Lösung wirklich so nahe liegt kann ich nicht beurteilen, aber gerade die Betreuung durch Sozialarbeiter und Sozialpädagogen halte ich eigentlich für sehr wichtig.
Dass an der jetzigen Situation jedoch etwas geändert werden muss, steht außer Frage. Und da reicht es definitiv nicht sich um Vorurteilsfreiheit zu bemühen.
Arbeit und Arbeitslosigkeit müssen neu gedacht werden und dabei gibt das Buch auf jeden Fall ein paar gute Denkanstöße.

 

 

 

Anna Mayrs Texte nehmen den Leser für sich ein, haben mich aber jetzt nicht unbedingt wütend gemacht. Sie klären auf, helfen, gewisse Gegebenheiten zu überdenken und zu verstehen und das ist ihr auf jeden Fall gelungen.
Von mir gibt es deshalb auch eine Leseempfehlung!

 

 

♥ Vielen Dank an die Hanser Literaturverlage für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

Über die Autorin
Anna Mayr wurde 1993 in einer Mittelstadt am östlichen Rand des Ruhrgebiets geboren. In der Grundschule lernte sie die Fangesänge von Borussia Dortmund, am Gymnasium wurde ihr beigebracht, dass sie die Gegend am besten schnellstmöglich verließ. Sie studierte Geographie und Literatur in Köln, schrieb für eine Boulevardzeitung, arbeitete als Deutschlehrerin. Mit dem Team von Correctiv war sie 2018 für den Nannenpreis und den Reporterpreis nominiert. Heute ist sie Redakteurin im Politik-Ressort der ZEIT und lebt in Berlin.

Quelle: Hanser Literaturverlage

 

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