Rezension Marieke Lucas Rijneveld – Was man sät

Rezension Marieke Lucas Rijneveld – Was man sät

Autor: Marieke Lucas Rijneveld
Titel: Was man sät
Herausgeber: Suhrkamp Verlag 
Datum der Erstveröffentlichung: 09. September 2020
Buchlänge: 317 Seiten
Titel der Originalausgabe: De avond is ongemak
ISBN: 978-3-518-42897-9
Preis: HC 22,00€ / eBook 18,99€
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♥ Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt 

 

 

Kurz vor Weihnachten bemerkt die zehnjährige Jas, dass der Vater ihr Kaninchen mästet. Sie ist sich sicher, dass es dem Weihnachtsessen zum Opfer fallen wird. Das darf nicht passieren. Also betet Jas zu Gott, er möge ihren älteren Bruder anstelle des Kaninchens nehmen. Am selben Tag bricht ihr Bruder beim Schlittschuhlaufen ins Eis ein und ertrinkt. Die Familie weiß: Das war eine Strafe Gottes, und alle Familienmitglieder glauben, selbst schuld an der Tragödie zu sein. Jas flieht mit ihrem Bruder Obbe und ihrer Schwester Hanna in das Niemandsland zwischen Kindheit und Erwachsensein, in eine Welt voll okkulter Spiele und eigener Gesetze, in der die Geschwister immer mehr den eigenen Sehnsüchten und Vorstellungswelten auf die Spur kommen.

Quelle: Suhrkamp Verlag

 

 

 

Ich habe lange nachgedacht, wie ich diese Rezension wohl beginnen soll, denn ich habe selten ein Buch gelesen, dass mich so zwiegespalten zurückgelassen hat wie Was man sät von Marieke Lucas Rijneveld.
Es ist düster, anziehend und abstoßend zugleich und doch lohnt es sich, obwohl sie einen nicht aufbaut.
Aber wer will so etwas in der momentanen Zeit überhaupt lesen?
Haben wir alle nicht schon genug Sorgen und Probleme?
Die aktuelle Pandemie, die Beschränkungen in unserem täglichen Leben. Freunde fehlen, Urlaube sind weitestgehend gestrichen.
Wer braucht da einen Roman, der das Unwohlsein möglicherweise noch verstärkt?
Ich! Denn ich liebe Geschichten, die mich in ihren Sog ziehen und mir die Wucht, die nur die Literatur besitzt, vor Augen führt.
Deswegen habe ich zu Was man sät gegriffen und deswegen hat es mich auch umgehauen.

 

Die 12-jährige Jas, genannt Jacke, weil sie ihre Jacke auch drinnen nicht auszieht, wächst mit ihren vier Geschwistern auf einem Bauernhof in der niederländischen Provinz auf. Die Familie ist Teil der strenggläubigen orthodox-calvinistischen Gemeinde, weshalb sie Außenstehende deshalb abfällig “Schwarzstrümpfe“ nennen. Die Eltern mahnen ständig mit Versen aus dem Alten Testament und das Leben auf dem Hof scheint irgendwie aus der Zeit gefallen.
Ein Wintermorgen, kurz vor Weihnachten. Der erste Schnee ist bereits gefallen, der See gefroren, doch das Eis ist dünn. Zu dünn für Matthies, der mit seinen Freunden zum Schlittschuhfahren aufgebrochen ist und von diesem Ausflug nicht wieder zurückkehren wird. Und als er stirbt, ändert sich alles.
Denn Jas weiß, dass Tote immer mehr vermisst werden als Lebende. Und tatsächlich scheinen ihre Eltern über den Verlust des Sohnes die anderen drei lebendigen Kinder zu vergessen. Die Mutter isst nichts mehr, der Vater widmet sich immer mehr seinen Kühen. Am Tisch steht ein Stuhl, auf dem niemand mehr sitzen darf.
Bald darauf entsteht ein Spiel, in das sich die übriggebliebenen Kinder flüchten: An was stirbt wer als nächstes. Sie verlieren sich, weil sie auf ihre Eltern verzichten müssen.

Ich lebe noch, das ist das Einzige, was sie mitbekommen. Dass wir weiterhin jeden Tag aufstehen, wenn auch immer langsamer und mühsamer, ist für sie genug Beweis, dass es uns gut geht […]
(Seite 122)

 

In Was man sät passiert wenig und gleichzeitig so viel: Eine Familie zerbricht an ihrer Trauer, drei Kinder werden einsam und langsam und scherzhaft erwachsen. Der Glaube kann dabei nicht helfen, im Gegenteil – für die Familie ist Matthies Tod eine Strafe Gottes und jeder einzelne fühlt sich auf die ein oder andere Art dafür verantwortlich.
Jas, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird, ist gefangen in ihrer eigenen Welt aus Grausamkeit und aufkeimender Sexualität, die sie nicht versteht. Ihre Schwester Hanna, die jünger ist, spendet als einzige Trost, bis auch sie schließlich zugeben muss, dass sie nicht mehr weiß wie man fröhlich ist. Und Obbe, der fluchende Bruder, fällt durch seine, naja Eigenarten besonders auf.

Wenn man eins sagen kann, dann dass dieser Debütroman tief unter die Haut geht. Er ist, wie schon erwähnt von großer Anziehungskraft und stößt einen gleichzeitig auch ab. Er ist durch die Sprache drastisch und direkt, gerade wenn es um Gewalt, Sex und Fäkalien geht.
Es ist oft schwer zu ertragen, dass nichts je besser, sondern eher schlimmer wird und doch fühlt sich auch das wirkliche Leben derweilen genau so an. Man möchte das Gesicht wie Hanna ins Kissen drücken und doch lässt man diese Geschichte über sich ergehen, weil man schlichtweg hineingezogen wird in die verstörenden Einblicke von Jas. Nichts wird erklärt, und doch ist alles so klar, wenn die Autorin über diese Familie schreibt, der wirklich nichts erspart bleibt.

Der Schreibstil ist erdig und schwer, vollgestopft mit Grausamkeiten wie der Darm von Jas, die sich über Wochen den Stuhlgang verbietet.
Und wenn man sich entscheidet zu diesem Buch zu greifen, dann sollte einem vorher klar sein, dass Marieke Lucas Rijneveld keine Gnade mit ihrem Publikum kennt.
Doch man wird belohnt, mit einer Geschichte, die unter die Haut geht und einen bis zum Schluss nicht mehr loslässt und deswegen kann ich Was man sät auch nur empfehlen – lest es und überzeugt euch selbst!

 

 

Mit Was man sät hat Marieke Lucas Rijneveld definitiv keinen angenehmen Roman geschrieben und das bleibt auch so, bis zum unausweichlichen Ende. Man wird hineingezogen in diese unheilvolle Familienwelt und erlebt Abgründe, die nur schwer zu verdauen sind.
Und wer mit solch einer harten Story umgehen kann, der wird belohnt: Mit der vollen Wucht der Literatur, die diesem außergewöhnlichen Roman innewohnt.

Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung!

 

 

♥ Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über die Autorin
Marieke Lucas Rijneveld, 1991 in Nord-Brabant geboren, gilt als eine der wichtigsten jungen niederländischen Stimmen. 2015 veröffentlichte sie ihren preisgekrönten Lyrikband Kalfsvlies. Was man sät ist ihr Debütroman und hat in den Niederlanden für Furore gesorgt. 2019 erschien ihr zweiter Lyrikband Fantoommerrie. Rijneveld lebt in Utrecht und arbeitet nebenher auf einem Bauernhof.

Quelle: Suhrkamp Verlag

 

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