Rezension Katja Jungwirth – Meine Mutter, das Alter und ich

Rezension Katja Jungwirth – Meine Mutter, das Alter und ich

Autor: Katja Jungwirth
Titel: Meine Mutter, das Alter und ich
Herausgeber: Kremayr & Scheriau
Datum der Erstveröffentlichung: 20. Januar 2020
Buchlänge: 176 Seiten
ISBN: 978-3-218-01211-9
Preis: HC 22,00€ / eBook 16,99€
Erwerben

 

♥ Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt 

 

 

„Du spürst wieder mal nichts, oder?“

Es sind Sätze wie diese, die die Luft zer- und direkt ins Herz schneiden. Die Mutter ist schwer erkrankt – und wird dadurch ihrer Unabhängigkeit beraubt; die Krankheit macht sie müde, depressiv, manchmal aber auch erstaunlich gelassen. Die Tochter sorgt sich, steht mal staunend, mal traurig, mal lachend vor den oft abrupten Stimmungsumschwüngen ihrer Mutter, mit der sie nun mehr und mehr die Rollen tauscht.

Katja Jungwirth protokolliert in kurzen, präzisen Szenen, wie Alter und Krankheit nicht nur eine einzelne Person betreffen, sondern wie sich ein Familiengefüge dadurch neu zusammensetzt und der Alltag sich verändert. Einkäufe werden zum Spießrutenlauf, was heute richtig ist, ist morgen falsch, und umgekehrt. Hochkomische wechseln sich mit berührenden, zärtlichen Momenten ab. Ein Buch voller aufrichtiger Geschichten, in denen sich viele wiedererkennen werden.

Quelle: Kremayr & Scheriau

 

 

 

Meine Eltern kommen so langsam in ein Alter, in dem ich mir als Tochter immer öfter überlege, was die Zukunft für die beiden noch so bereithält. Wie lange sie sich noch selbst versorgen und ihren Alltag gemeinsam bestreiten können.
Denn anhand meiner beiden Omas weiß ich, dass die altersbedingte Gebrechlichkeit irgendwann sichtbar wird. Dass das Gehirn nicht immer so funktioniert, wie es noch mit 50 der Fall war und dass das Älterwerden Menschen verändert – nur leider nicht immer zum Guten.
Aber egal, wie es auch ausgeht, ich habe mir vorgenommen für sie da zu sein. Sie zu pflegen, soweit mein Leben das zulässt und an ihrer Seite zu bleiben, wie sie es seit meiner Geburt waren.
Doch wie fühlt es sich an, wenn Kinder plötzlich die Rollen tauschen und sich um ihre Eltern kümmern?
Was bedeutet es, immer auf Abruf bereit zu sein und wie belastend ist so eine Erwartungshaltung?
In ihrem Buch Meine Mutter, das Alter und ich schreibt Katja Jungwirth über genau diesen Mutterdienst und ob ich danach anders denke, wird euch meine folgende Rezension zeigen.

 

Katja Jungwirths pflegebedürftige Mutter ist schwer erkrankt und auch das Alter sowie die Schmerzen machen ihr zu schaffen. Verschiedene Medikamente sollen helfen aber die Nebenwirkungen bringen die Mutter immer wieder dazu die Tabletten selbstständig abzusetzen. Die Tochter sorgt sich, da der Umgang durch die daraus resultierenden Stimmungsschwankungen immer komplizierter wird. Und so tauschen die beiden Stück für Stück die Rollen bis oft nicht mehr nachvollziehbar ist, wer nun die Mutter und wer die Tochter ist.

 

Ich möchte bleiben. Ich möchte aber auch flüchten. Davonlaufen vor der Traurigkeit, für die ich mich verantwortlich fühle, vor der Einsamkeit, die ich ja scheinbar durch mein Weggehen verursache.
(Seite 37)

 

In kurzen, kolumnenartigen Texten erzählt die Autorin vom täglichen Umgang mit ihrer Mutter, wobei sich eine gewisse Alltagskomik mit zutiefst berührenden Momenten voller Zärtlichkeit und Traurigkeit abwechseln.
Ihr Schreibstil ist dabei schnörkellos und ohne große Erklärungen, dennoch spürt man die Liebe, aber auch die Verzweiflung, die sich oft abwechseln, wenn sie ihre Mutter besucht. Selten kann sie es ihr recht machen. Nie bleibt sie lange genug. Ein Spaziergang wird ständig gewünscht, nur fehlt der Mutter dazu oft die Kraft.
Auch in den täglichen Telefongesprächen zwischen den beiden wird deutlich, welcher Druck auf Katja Jungwirths Schultern lastet und ich konnte mich durchaus schon selbst in manchen Situationen wiedererkennen.
Denn wenn die Pflege eines Elternteils auf die Kinder zurückfällt, die oft selbst noch berufstätig sind, ist das eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, die einem alles abverlangen kann. Hinzu kommt, dass diese Pflege noch immer zu großen Teilen von den Töchtern geleistet wird, selbst wenn Söhne durchaus vorhanden sind. So auch bei Katja Jungwirth.

Die vielen kleinen Kapitel, die zudem noch liebevoll durch Illustrationen gestaltet sind, geben einen umfassenden Eindruck, welche großen, oft als selbstverständlich erachteten Leistungen auf Seiten der Pflegenden dahinterstecken.
Und da wir als Leser mit einer gewissen Distanz auf alles blicken können, wird hier auch nochmal deutlich, wie wenig das in ihrem Fall mit Dankbarkeit honoriert wird. Das passiert selbstverständlich nicht mit Absicht, denn die Mutter merkt ja gar nicht, wie weh sie ihrer Tochter damit tut und dennoch muss es hart sein, das selbst zu durchleben.

Auf jeder Seite ist spürbar, welcher Kraftaufwand nötig ist, um sich Tag für Tag immer wieder empathisch zu zeigen und die Äußerungen der Mutter nicht persönlich zu nehmen. Oft ist es nicht möglich die eigenen Emotionen herauszulassen, obwohl man nichts lieber tun würde und ich denke hier kann das Buch eine großartige Hilfe sein, gegenseitiges Verständnis zu wecken.
Man merkt deutlich, dass die Autorin nicht bloß eine Geschichte erzählt, sondern über ihr eigenes Leben schreibt und genau diese Tatsache macht Meine Mutter, das Alter und ich auch so lesenswert.

 

 

 

Meine Mutter, das Alter und ich von Katja Jungwirth ist ein Buch, dass sowohl die Seite einer pflegebedürftigen Mutter als auch die der pflegenden Tochter beleuchtet.
Oft weiß man nicht, ob man Lachen oder weinen soll und ich kann mir gut vorstellen, dass die Autorin durch das Schreiben dieser Geschichte erst im Nachhinein viele schwierige Alltagssituationen für sich abschließen und verarbeiten konnte.

Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung!

 

 

♥ Vielen Dank an Kremayr & Scheriau für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über die Autorin
geboren 1961 in Graz, Schulbesuche in Wien und New York. Unmittelbar nach Abschluss der UN-Schule in N.Y. mehrere Jahre als Journalistin bei der Kleinen Zeitung tätig. Familiengründung, Theater- und Kabarettauftritte.Vor dem EU-Beitritt 1994 übersiedelt die ganze Familie nach Brüssel. 2007 Rückkehr nach Österreich. Katja Jungwirth lebt heute mit Mann, Kindern und Enkelkindern in Wien.

Quelle: Kremayr & Scheriau

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.