Rezension Barbara Rieger – Friss oder stirb

Rezension Barbara Rieger – Friss oder stirb

Autor: Barbara Rieger
Titel: Friss oder stirb
Herausgeber: Kremayr & Scheriau
Datum der Erstveröffentlichung: 17. August 2020
Buchlänge: 224 Seiten
ISBN: 978-3-218-01228-7
Preis: HC 22,00€ / eBook 16,99€
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♥ Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt 

 

 

Anna ist mitten in der Pubertät und hat Probleme, wie viele sie haben: Liebeskummer, Stress mit Mutter und Stiefvater, unsicher im eigenen Körper. Zuerst hungert sie, dann beginnt sie zu essen. Sie isst, wenn sie traurig ist, isst, wenn sie allein ist, isst, obwohl sie abnehmen will. Dann beginnt sie, sich zu übergeben und ist schon bald mittendrin und gefangen in einer schweren Essstörung. Während nach außen hin alles in Ordnung scheint, kämpft Anna innerlich jeden Tag gegen die Obsession mit dem Essen und dem eigenen Körper, gegen die zerstörerische Sucht an.

Rasant und rhythmisch, ehrlich und eindringlich schildert Barbara Rieger den Verlauf einer Bulimie, erzählt vom Anfang, vom Tiefpunkt und davon, wie vielleicht ein Ausbruch gelingen kann.

Quelle: Kremayr & Scheriau 

 

 

 

Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) leiden von ca. 1000 betrachteten Personen etwa 30 bis 50 an einer Essstörung. Dazu zählen sowohl Magersucht, Bulimie, Bing-Eating-Störungen und bestimmte Mischformen.
Allerdings würde ich mich soweit aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass weitaus mehr Menschen in unserer Gesellschaft ein problematisches Verhältnis zum Essen haben, ohne dass eine Krankheit durch einen Fachmann diagnostiziert wurde.

Mittlerweile gibt es unzählige Sachbücher, Ratgeber und Erfahrungsberichte über Essstörungen, allerdings finde ich, dass gerade die Bulimie literarisch kaum Beachtung findet. Aber warum ist das so? Vielleicht, weil es eine extrem unschöne Krankheit ist, die durch den Aspekt des selbst herbeigeführten Erbrechens oft schwierig darzustellen ist? Denn anders als bei der Anorexie spielt hier die Nahrungsaufnahme in extremen Mengen und das Loswerden eben jener eine maßgebliche Rolle und wer liest schon gerne über Kloschüsseln oder andere Orte, an denen all dies landet?
Wie dem auch sei, Barbara Rieger hat mit Friss oder stirb einen solchen Roman geschrieben, und ich finde, dass ihr das sehr gut gelungen ist.

 

Wenn man keine Sprache, keine Wörter mehr findet, dann spricht der Körper.
(Seite 6)

Eindringlich schildert sie, wie die pubertierende Anna zuerst ein zwanghaftes Essverhalten entwickelt, wobei nach ihren Fressattacken der Wunsch zu kotzen immer lauter wird. Wir bewegen uns mit ihr in die Abwärtsspirale, in das Grauen und die Einsamkeit einer Bulimie Kranken und lernen viele Facetten ihres verstörenden Selbstbildes kennen.
Schnell entwickelt sich eine Art Abhängigkeitsverhältnis zum Essen und auch hier wird der Leser mitgezogen – denn obwohl Anna keine Ich-Erzählerin ist, sehen wir dennoch die Welt durch ihre Augen.

Wir durchleben ihre unkontrollierbaren Verhaltensmuster, indem wir den Prozessen beiwohnen und schlüpfen dabei in Annas Körper und ihre von Selbstzweifel und Selbsthass durchzogene Gefühlswelt.
Verzweifelt versucht sie ihr Leben in den Griff zu bekommen, sich Leuten anzuvertrauen, doch selbst ihre Mutter erkennt nicht, dass ihre Tochter Zusehens durch diese Krankheit mehr und mehr vereinsamt. Eher ich-bezogen fordert sie mehr von Anna, als diese ihr geben kann und auch das oberflächliche Verhältnis zu Stiefvater Heinz bröckelt im Laufe der Zeit.
Sie hat niemanden der ihr zuhört, keiner scheint überhaupt einen Funken Verständnis für sie aufbringen zu können und auch die wenigen Beziehungen, die Anna führt, sind nicht unbedingt auf Vertrauen aufgebaut und weitestgehend emotionslos.
Die innere Leere wird mit Fressattacken und langen Hungerphasen kompensiert, das ohnehin schon mangelnde Selbstwertgefühl durch Vergleiche mit Freundinnen weiter in den Keller getrieben.

So sehen wir quasi in Zeitlupe, wie die Protagonistin in eine schwerwiegende Essstörung schlittert und begleiten sie über die Pubertät hinweg, zu einem Schüleraustausch in Amerika, von dem sie übergewichtig und mit Lerndefiziten zurückkommt, über die Matura bis zum Beginn des Studiums. In der Studienzeit beginnt Anna schließlich eine Therapie, die sie nicht nur vor dem Stiefvater verheimlichen, sondern auch vor ihrer Mutter rechtfertigen muss, denn diese fragt sie ständig, wann sie endlich damit aufhört.

Mich persönlich hat dieses Buch wirklich sehr mitgenommen – vielleicht weil ich selbst betroffen bin oder besser ausgedrückt es war. Die Krankheit verlässt einen nie ganz, das ist meine Erfahrung, denn Essen ist allgegenwärtig und ein voller Bauch erinnert einen jedes Mal daran.
Die Option, alles wieder loszuwerden, bleibt verlockend.
Auch Anna gilt am Ende als mehr oder weniger geheilt, aber ihr Weg war ein langer und das Buch trägt dazu bei, das Krankheitsbild der zerstörerischen Bulimie besser zu verstehen. Dazu leistet die Autorin definitiv einen großen Beitrag.

 

 

Barbara Rieger gelingt es in Friss oder stirb, das psychische Leiden von Anna und ihrem scheinbar unaufhaltbaren Kreislauf ihrer Bulimie in ausdrucksstarker Sprache festzuhalten, ohne sie dabei bloßzustellen. Sie zeigt, dass es viel Durchhaltevermögen braucht um gesund zu werden und macht Betroffenen durch das Ende Hoffnung.
Von mir gibt es darum auch eine klare Leseempfehlung!

 

 

♥ Vielen Dank an Kremayr & Scheriau für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über die Autorin
Barbara Rieger, geboren 1982 in Graz. Studium in Wien. Absolventin der Leondinger Akademie für Literatur. Lebt und arbeitet als Autorin und Schreibpädagogin (BÖS) in Wien und im Almtal (Oberösterreich). Betreibt seit 2013 gemeinsam mit Alain Barbero den trilingualen Literatur- und Fotoblog „Café Entropy“, aus dem die Bücher „Melange der Poesie“ (2017) und „Kinder der Poesie“ (2019) hervorgingen. Ihr erster Roman „Bis ans Ende, Marie“ ist im Herbst 2018 bei Kremayr &Scheriau erschienen.

Quelle: Kremayr & Scheriau

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