Rezension Jennifer Beck, Fabian Ebeling, Steffen Greiner, Mads Pankow – Liebe, Körper, Wut & Nazis: Wie wir beschlossen, uns alles zu sagen

Rezension Jennifer Beck, Fabian Ebeling, Steffen Greiner, Mads Pankow – Liebe, Körper, Wut & Nazis: Wie wir beschlossen, uns alles zu sagen

Autor: Jennifer Beck, Fabian Ebeling, Steffen Greiner, Mads Pankow
Titel: Liebe, Körper, Wut & Nazis – Wie wir beschlossen, uns alles zu sagen
Herausgeber: Tropen Verlag / Klett-Cotta Verlag
Datum der Erstveröffentlichung: 22. August 2020
Buchlänge: 208 Seiten
ISBN: 978-3-608-50465-1
Preis: HC 20,00€ / eBook 15,99€
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♥ Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt 

 

 

Ein Selbstversuch. Vier Menschen einer Generation fragen sich aus über vier Themen, die unsere Zeit prägen: Liebe, Körper, Wut und Nazis. Welche Fragen wollten wir unseren Freunden schon immer stellen, durften es aber nicht, weil sie so persönlich waren, so gefährlich, dass nicht einmal die engste Freundschaft sie zugelassen hätte? Kann man sich zu nahekommen?

Ihr habt ja nie gefragt! Macht man das in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie, sich füreinander interessieren? Also: so richtig, aufrichtig. Jennifer Beck, Fabian Ebeling, Steffen Greiner und Mads Pankow, vier Menschen einer Generation, lassen sich aufeinander ein. Ohne Scham. Ohne Angst. Mit Zeit. Sie versprechen, sich zu antworten und zu schauen, wo sie hinführen, die Fragen, die niemand zu stellen wagt. Weil sie Themen berühren, die keiner gern anfasst: Liebe, Körper, Wut und Nazis. Immer wieder und immer schriftlich. Sie legen offen, was wir aneinander entdecken, wenn wir uns alles fragen dürfen, aber auch, dass Verständnis nicht sofort aus Verständigung resultiert.

Quelle: Tropen Verlag / Klett-Cotta Verlag 

 

 

 

Seid ihr immer ehrlich zu euren engsten Freunden? Wenn beispielsweise die neue Hose deiner besten Freundin in deinen Augen sehr unvorteilhaft wirkt, würdest du ihr das sagen? Auch wenn sie das Kleidungsstück selbst vielleicht sehr mag?
Oder würdest du deinem besten Freund ganz offen ins Gesicht sagen, dass du bestimmte Verhaltensweisen an ihm überhaupt nicht ausstehen kannst?

In einem Selbstversuch beschließen vier Menschen genau das zu tun: Sich alles zu sagen. Und wir Leser dürfen Zeuge dessen sein. Dabei ist es aber kein Buch, dass nun versucht besonders hipp zu sein und Gespräche wiederzugeben, die auch angetrunken in einer Bar stattfinden könnten, sondern sie sind ernster und auch definitiv durchdachter.

 

Echte Freundschaft ist kein Tauschgeschäft, sondern ein Abschreibungsobjekt.
(Seite 29)

 

Das Konzept ist einfach: Vier Menschen einer Generation stellen sich zu den Themengebieten Liebe, Körper, Wut und Nazis reihum Fragen, beantworten diese und am Ende ihrer Aussage wird die nächste gestellt. Regeln gibt es dabei aber auch, denn die Beteiligten müssen sich wirklich füreinander interessieren.
Das Quartett setzt sich aus Jennifer Beck, Fabian Ebeling, Steffen Greiner und Mads Pankow zusammen, alle Journalist*innen, Redakteur*innen und Schriftsteller*innen, die sich seit Studienzeiten kennen, Mitte 30 sind und in Berlin leben.

 

Ich weiß nicht, wann ich den Bezug zu meinem Körper verloren habe der ob er den Bezug zu mir verloren hat. […] Unterschiedlich sind die Zahlen, aber x Kilo sind scheiße, wenn es mal y weniger waren. Körper. Wut. Nazis. Alles ist scheiße, wenn es mal weniger war. Außer Liebe. Obwohl.
(Seite 62)

 

In ihrem gemeinsamen Buch schonen sie weder sich noch ihre Gegenüber und bereits zu Beginn merkt man eindeutig, dass Ehrlichkeit mitunter auch ganz schön weh tun kann.
Wenn Jennifer Beck beispielsweise über ihre Kindheit oder ihr Körpergefühl spricht, fühlt man sich irgendwie ertappt, weil man ihre Gedanken aus dem eigenen Kopf kennt. Diese Gedanken dann aber auch auszusprechen ist noch einmal eine ganz andere Hausnummer – selbst ich rede darüber nicht mal mit meinen engsten Freunden.
Oder wenn Steffen Greiner seine Meinung zu Beziehungen und seiner eigenen Beziehungsunfähigkeit kundtut, fühlt es sich nach einem Tabu an, dass gebrochen wird.
Ja, die vier sprechen offen über ihre Gedanken und Gefühle und insgeheim fragt man sich, wann ich eigentlich das letzte Mal ehrlich zu mir selbst war. Wann hat man sich zuletzt wirklich aufrichtig mit seinen Freund*innen unterhalten oder haben wir etwa verlernt wirklich miteinander zu reden?
Sagen wir nicht viel zu oft Es geht mir gut obwohl das gar nicht so ist? Wollen wir solche Fragen nicht ehrlich beantworten oder machen wir das aus Selbstschutz? Sind wir der Meinung, dass es eh keinen interessiert, wenn wir und stattdessen eine Stunde über unsere tatsächliche Gemütslage auslassen würden oder mangelt es uns an Geduld? Und was ist demnach eine Freundschaft wert?

Ich habe am Ende tatsächlich das Gefühl gehabt, dass nun mehr Fragen im Kopf sind als zu Beginn und dass ich vielleicht auch öfters mal ehrlicher Antworten, aber vor allem ehrlicher Zuhören muss, wenn Freunde sich mit mir unterhalten. Ob ich dabei jedoch so extrem an die Schmerzgrenze gehen würde, wie es die Autoren hier tun, bleibt abzuwarten.
Aber vor was sollte ich Angst haben? Wenn in einer Freundschaft reichlich Dreck aufgewühlt wird, ist es vielleicht nicht immer das Ziel, alles sofort wieder hübsch herzurichten – vielleicht muss man manchmal einfach den Staub ertragen. Eine echte Freundschaft hält so etwas aus, da bin ich mir sicher.

 

 

 

In Liebe, Körper, Wut & Nazis legen vier Freunde alles offen, was sie übereinander denken und dürfen dabei alles fragen, was sie schon immer übereinander wissen wollten. Dass dabei nicht alle auf Verständnis treffen ist abzusehen.
Ein ehrlicher Blick darauf, wie wir Freunden begegnen, was wir von uns selbst Preis geben und was wir nutzen, um uns selbst zu schützen.
Von mir gibt es eine Leseempfehlung!

 

 

♥ Vielen Dank an den Tropen / Klett-Cotta Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über die Autoren

Jennifer Beck, geboren 1988 in Leipzig, war Redakteurin bei SPEX – Magazin für Popkultur und arbeitet aktuell als Kulturredakteurin beim Missy Magazine. Sie leitet die Redaktion von Die Epilog – Zeitschrift zur Gegenwartskultur in Berlin und schreibt, wie sagt man, frei.

Fabian Ebeling, geboren 1985 in Mannheim, ist freier Redakteur, Autor und Mitherausgeber von Die Epilog – Zeitschrift zur Gegenwartskultur.

Steffen Greiner, geboren 1985 in Saarbrücken, lebt als freier Autor, Dozent und Kulturjournalist in Berlin, seine Arbeiten erschienen u.a. bei taz, Jungle World, SPON und Deutschlandfunk Nova. Er leitet die Redaktion der Zeitschrift zur Gegenwartskultur Die Epilog. Zur Zeit arbeitet er an Projekten…

Mads Pankow, geboren 1985 in Oldenburg, aufgewachsen in Berlin, ist der ehemalige Herausgeber von Die Epilog – Zeitschrift zur Gegenwartskultur. Er arbeitet als Journalist und Politikberater zu Themen der künstlichen Intelligenz und Gesellschaft.

Quelle: Tropen Verlag / Klett-Cotta Verlag

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