Rezension Verena Kessler – Die Gespenster von Demmin

Rezension Verena Kessler – Die Gespenster von Demmin

Autor: Verena Kessler
Titel: Die Gespenster von Demmin
Herausgeber: Hanser Literaturverlag
Datum der Erstveröffentlichung: 17. August 2020
Buchlänge: 240 Seiten
ISBN: 978-3-446-26784-8
Preis: HC 22,00€ / eBook 16,99€
Erwerben

 

♥ Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt 

 

 

Larry lebt in einer Stadt mit besonderer Geschichte – Ende des Zweiten Weltkriegs fand in Demmin der größte Massensuizid der deutschen Geschichte statt. Für Larry ist ihre Heimatstadt aber vor allem eins: langweilig. Sie will so schnell wie möglich raus in die Welt und Kriegsreporterin werden. Während Larry mit den Unzumutbarkeiten des Erwachsenwerdens kämpft, steht einer alten Frau der Umzug ins Seniorenheim bevor. Beim Aussortieren ihres Hausstands erinnert sie sich an das Kriegsende in Demmin und trifft eine folgenschwere Entscheidung.
Mit Leichtigkeit und Witz erzählt Verena Keßler von Trauer und Einsamkeit, von Freundschaft und der ersten Liebe. Ein Roman über die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen und die Möglichkeit, sie zu überwinden.

Quelle: Hanser Literaturverlag

 

 

 

Im Mai 1945 töten sich in Demmin, einer Kleinstadt in Vorpommern, etwa 1000 Menschen aus Angst vor der russischen Armee. Kurz zuvor bricht das Dritte Reich zusammen, Soldaten der Wehrmacht ziehen sich aus dieser Stadt zurück, nicht ohne vorher noch zu verkünden, dass Demmin bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen sei.
Sowjetische Soldaten drängen hinein, Brücken explodieren und so sitzt nicht nur die Zivilbevölkerung in der Falle. Es fallen Schüsse, das sowjetischem Kriegsrecht gibt die Stadt zur Plünderung frei und kurz darauf brennen Häuser, der Stadtkern tagelang. Die Angst ist allgegenwertig, Offiziere vergewaltigen Frauen, Mütter halten ihre Kinder schützend auf ihrem Schoß und was folgt, ist der wohl größte Massenselbstmord der deutschen Geschichte. Revolver, Rasierklingen, der Strick, Gifte oder der Fluss – alles wird zum Todeswerkzeug. Zahllose Frauen ertränken sich und ihre Babys, steigen ins Wasser, mit Steinen im Rucksack oder in den Taschen.

Demmin steht für ein grauenhaftes Kapitel des zweiten Weltkrieges, ist aber auch Bestandteil des Debütromas von Verena Keßler und auch wenn ich Bücher mit solchen Hintergrundgeschichten eher selten lese, war ich doch sehr gespannt, was mich hier erwarten wird.

 

Die 15-jährige Larissa oder Larry, wie sie lieber genannt werden möchte, hat einen ungewöhnlichen Berufswunsch: Sie möchte Kriegsreporterin werden, um ihrem Leben mehr Abwechslung zu geben.
Kriege fand sie schon immer faszinierend und darum hilft sie auch regelmäßig auf dem städtischen Friedhof aus, recherchiert diverse Foltermethoden und auch die Geschichte ihrer Heimatstadt Demmin interessiert sie sehr. Und während Larry gegen den neuen Freund ihrer Mutter und für ihre Zukunftspläne kämpft, belastet Frau Dohlberg, die Nachbarin von gegenüber, die Vergangenheit noch sehr. Die ältere Dame soll schnellstmöglich in einem Seniorenheim untergebracht werden, da sie sich allein nicht mehr versorgen kann und muss sich nun von vielen ihrer Habseligkeiten trennen. Allerdings kehren mit dem Aussortieren auch zahlreiche verdrängte Erinnerungen an das Kriegsende und and die Toten der eigenen Familie zurück und verfolgen sie bis tief in die Nacht.

 

Es ist ein wirklich gewaltiges Thema, dass Verena Kessler in ihrem Roman Die Gespenster von Demmin aufgreift und doch hat man nie das Gefühl, von ihm erdrückt zu werden. Ihr Schreibstil ist locker, die Geschichte fast leicht erzählt und trotz der oftmals erdrückenden Stimmung lässt sie durch das Leben und die Gedanken ihrer Protagonisten Einblicke in die Vergangenheit zu, die fast schon liebevoll klingen.
Mit Larrys Streifzügen durch Demmin erhält man ein gutes Bild der Stadt, auch wenn man selbst noch nie vor Ort war und durch Themen wie der ersten Liebe, Freundschaft und diverser Elternprobleme, bekommt das Buch sogar den Touch eines klassischen Coming-of-Age-Romans.

 

Was wissen die von Stau, denkt sie, was wissen die vom Nichtwegkommen, von Panzern auf den Straßen, von gesprengten Brücken. Im Wasser trieben leblose Körper, am Ufer lagen die Schwäne, man hatte sie erschossen.

 

Wie der Titel schon sagt, hat jeder hier seine eigenen Gespenster und ein historisches Trauma gilt es zu überwinden. Teenager trifft auf Seniorin, das ist nicht immer leicht zu verbinden, schon gar nicht, wenn überhaupt keine Interaktion zwischen den beiden stattfindet. Aber Verena Kessler gelingt auch dieser Spagat, weil sie, wie ich finde, den pubertären Sound von Larry nicht überzieht – sie wirkt in ihrem Handeln und in ihrer Sprache sogar etwas zu altklug (wenn sie nicht gerade unfassbar lustige Selbstgespräche führt).

Trotzdem bleiben die historischen und politischen Umstände des Kriegsendes und die Gründe für den oft erwähnten Massenselbstmord 1945 sehr blass. Weder Larry, die Kriegsreporterin in Spe, noch Frau Dohlberg selbst gehen hier genauer auf die Geschehnisse von damals ein. Die einen freut es sicherlich, Bücher über die Vergangenheit gibt es schließlich zu genüge, aber hin und wieder hätte ich tiefere Einblick in gewisse Erinnerungen sicher sehr genossen. Stattdessen blieben sie durchscheinende Gespenster, die kaum zu greifen waren.
Nichtsdestotrotz lies mich dieses Buch nicht kalt und gerade das Ende hat gezeigt, dass die Vergangenheit durchaus immer Auswirkungen auf das gegenwärtige Leben hat.
Für mich war es ein atmosphärisches Buch, dass ich bestimmt nicht so schnell vergessen werde.

 

 

 

Leben, Verlust, Trauer, Tod –Mit Die Gespenster von Demmin gibt Verena Kessler ein überzeugendes Debut, das vor allem durch ihre klare und ruhige Sprache überzeugt.
Klare Leseempfehlung!

 

 

♥ Vielen Dank an den Hanser Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über die Autorin
Verena Keßler, geboren 1988 in Hamburg, lebt in Leipzig, wo sie am Deutschen Literaturinstitut studierte. 2018 nahm sie an der Romanwerkstatt Kölner Schmiede teil, 2019 an der Schreibwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung. Sie war Stipendiatin des 23. Klagenfurter Literaturkurses.

Quelle: Hanser Literaturverlag

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.