Rezension Willi Achtern – Die wir liebten

Rezension Willi Achtern – Die wir liebten

Autor: Willi Achtern
Titel: Die wir liebten
Herausgeber: Piper Verlag 
Datum der Erstveröffentlichung: 02. März 2020
Buchlänge: 384 Seiten
ISBN: 978-3-492-05994-7
Preis: HC 22,00€ / eBook 16,99€
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 Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt 

 

 

Die Siebziger in der westdeutschen Provinz. Ein Dorf, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Für Edgar und seinen Bruder Roman ist das Leben überschaubar und gut. Bis sich ihr Vater am Maifest in die Tierärztin verliebt und die Familie verlässt. Die Mutter zieht sich immer mehr in ihren Lotto-Laden zurück. Die Jungen sind bald sich selbst überlassen. Schließlich steht das Jugendamt vor der Tür, um Edgar und Roman in den Gnadenhof zu holen. Ein Heim, in dem die Methoden der Nazis fortbestehen.
In glühenden Bildern erzählt Willi Achten von einem spannungsvollen Jahrzehnt, dem unauflösbaren Band zwischen Geschwistern und vom Aufbruch einer Generation, die dem dunklen Erbe ihrer Eltern mit aller Entschiedenheit entgegentritt.

Quelle: Piper Verlag  

 

 

Im Moment scheint es eine regelrechte Welle jener Bücher zu geben, die das Thema Kindheit und Jugend in den Siebziger Jahren behandelt. Diese drehen sich dann hauptsächlich um die Aufarbeitung der Zustände in deutschen Nachkriegskinderheimen und auch sonst ähneln sie sich in vielen Belangen. Warum also noch ein Buch lesen, dass einen augenscheinlich nicht viel Neues erfahren lässt? Nun ja, weil jeder Autor anders schreibt und die Leser so auch unterschiedlich an den geschilderten Leben teilnehmen lässt und Erinnerungen und Gefühle weckt, die nicht vergessen werden sollten – so wie die Geschichte Die wir liebten von Willi Achtern.

Edgar und Roman leben in einer normalen Mittelklassefamilie in der Provinz. Ihr Vater ist selbständiger Bäckermeister, die Mutter besitzt eine Lottoannahmestelle. Die Oma und eine geistig verwirrte Großtante leben außerdem mit ihnen unter einem Dach und so ist immer jemand da, wenn beide Elternteile arbeiten. Ihre Kindheit ist eine glückliche, bis der Vater sich trennt und die Mutter nach und nach dem Alkohol verfällt. Edgar und Roman haben dadurch plötzlich mehr Freiheiten als gern gesehen wird und anstatt ihnen aufgrund ihrer Situation Verständnis entgegen zu bringen, werden sie gegen den Willen der Eltern von Jugendamtmitarbeitern in ein Heim gebracht. Ein Heim, das sich in nur sehr wenigen Punkten von schrecklichen Gefangenenlagern häßlicher Vorzeiten unterscheidet.

Mit elf ist man nicht ausgerüstet für ein Leben ohne seinen Vater. Mit elf ist ein solcher Verlust vernichtend. Er stielt einem den Rest der Kindheit, jenes Zwischenreich, bevor die Wirren der Pubertät alles überziehen.
(Seite 72)

Wenn man Die wir liebten nach dem Beenden zur Seite legt und seinen Gedanken freien Lauf lässt, denkt man bestimmt zuerst: Und so soll es wirklich zugegangen sein in einem halbwegs modernen Deutschland? Wie kann so etwas passieren und das in den Siebziger Jahren?
Ja, es klingt wirklich unglaublich, was uns Willi Achtern in seinem aktuellen Roman erzählt, aber recherchiert man mal ein wenig, finden sich unzählige Berichte, die genau das bestätigen. Damals kamen tatsächlich Jugendamtsmitarbeiter unangemeldet zu jungen Eltern nach Hause um die dortigen Zustände zu prüfen und einer Behördenwillkür war man zusätzlich machtlos ausgeliefert. Es wurden Anweisungen gegeben, was Eltern mit ihrem Baby zu tun oder zu lassen hatten, wobei die Vorstellung mit seinem Kind im eigenen Mief in der Wohnung zu bleiben zu den eher gern gesehenen Familienstrukturen gehörte.
Und genau hiervon erzählt uns Will Achtern. Davon, wie eine Familie zerbricht. Wie persönliche Abneigung einem Menschen gegenüber auf den Rücken der Kinder ausgetragen wird. Einer Zeit, in der Übergriffigkeit und der Wunsch nach Zucht und Ordnung noch in vielen Köpfen festsaß. 

Zugegeben, dieser Roman ist keine leichte Kost, so unschuldig er auch anfängt, aber genau das war es auch, was eine unglaubliche Sogwirkung auf mich ausgeübt hat. Man nähert sich relativ langsam den Charakteren, lebt eine Zeit mit ihnen, versteht ihren Alltag und schließt sie schließlich ins Herz, nur um kurz darauf mit ihnen zu leiden und zu bangen.
Ich weiß nicht an was es genau lag, aber Willi Achtern vermittelte mir mit seinem Erzählstil ein Gefühl der Nähe. Oft hatte ich den Eindruck, als säße ich selbst mit seinen Figuren am Küchentisch und  rieche dabei den frisch gebackenen Kuchen aus der Backstube und vor allem Edgar und Roman möchte man dabei immer mal wieder durch die Haare streichen. Sie sind sicherlich die zwei Hauptprotagonisten, mit denen man am meisten leidet, aber sie sind auch die traurige Stimme einer Zeit, von der scheinbar viele nichts wissen. Einer Zeit, in der ca. 800.000 Kinder Opfer von Prügelstrafen, Isolierzellen und Zwangsarbeit in Heimen wurden – Orte, der sie eigentlich beschützen sollten.
Roman und Edgar stehen exemplarisch für all jene, denen das Grauen die Stimme genommen hat und ich bin tief beeindruckt von einem Buch, das mich nachhaltig wohl noch lange beschäftigen wird. 

 

 

Die wir liebten von Willi Achtern ist ein feinfühliger Roman, der die leidvolle Geschichte zweier Brüder aus den siebziger Jahren porträtiert. Intensiv und aufwühlend – von daher auch eine klare Leseempfehlung!

 

 

♥ Vielen Dank an den Piper Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über den Autor
Willi Achten wuchs in einem Dorf am Niederrhein auf. Er studierte in Bonn und Köln. Seit den frühen 1990er-Jahren ist er als Schriftsteller tätig. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne. Willi Achten lebt im niederländischen Vaals bei Aachen.

Quelle: Piper Verlag

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