Rezension Verena Güntner – Power

Rezension Verena Güntner – Power

Autor: Verena Güntner
Titel: Power
Herausgeber: Dumont Verlag
Datum der Erstveröffentlichung: 18. Februar 2020
Buchlänge: 254 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8369-1
Preis: HC 22,00€ / eBook 16,99€
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♥ Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt 

 

 

Die selbstbewusste Kerze ist gerade noch ein Kind. Sie lebt in einem kleinen, von Wald und Feldern umgebenen Dorf, das nur noch wenige Bewohner hat. Doch Kerze verteidigt ihr Dorf gegen den Schwund, sie ist hier fest verwurzelt. Eines Tages geht Power verloren, der Hund einer Nachbarin. Die Hitschke ist verzweifelt – seit ihr Mann nicht mehr da ist, lebt sie allein. Kerze macht sich auf die Suche nach Power und verspricht, den Hund zurückzubringen. Koste es, was es wolle. Denn Kerze hält, was sie verspricht. Immer! Sie geht methodisch vor, durchstreift das Dorf und die Felder, tastet sich immer näher an Power heran. Beobachtet wird sie dabei von den Kindern des Dorfes, die sich ihr nach und nach anschließen. Ein ganzes Rudel bildet sich, das bellend und auf allen vieren Powers Fährte aufnimmt. Als klar wird, dass sie ihn nur außerhalb der Dorfgemeinschaft finden können, verlassen die Kinder das Dorf und ziehen in den Wald.
Mit außergewöhnlicher Sprachmacht, Scharfsinn und mit enormem Einfühlungsvermögen erzählt Verena Güntner davon, was mit einer Gemeinschaft geschieht, die den Kontakt zu ihren Kindern verliert. ›Power‹ führt hinein in den Schmerz derer, die zurückbleiben, und zeigt mit großer Kraft, was es braucht, um durchzuhalten, weiterzumachen und Sinn zu finden in einer haltlos gewordenen Welt.

Quelle: Dumont Verlag 

 

 

Ungewöhnliche Romane, die ungewöhnliche Geschichten erzählen.
Ungewöhnliche Geschichten, die dich komplett überraschen.
Klappentexte, die zwar vieles bereits verraten, aber nur an der Oberfläche kratzen.
Das uns vieles mehr bietet euch Power von Verena Güntner – wenn ihr euch darauf einlasst.

Wenn Kerze ein Versprechen gibt, hält sie es. Das weiß ihre Mutter und das weiß auch das ganze Dorf, in dem Kerze lebt. Deswegen ist es auch von vorne herein klar, wer den verschwundenen Hund der Hitschke wieder zurückbringen muss, denn Kerze schafft alles. Weil sie Kerze ist. Ein Licht in dieser rabenschwarzen Welt.
Also leuchtet sie sich fortan selbst den Weg durch ihr geisterbesetztes Kinderzimmer, durch den Wald und durch die wochenlange und scheinbar aussichtslose Suche nach dem verlorenen Hund Power. Doch bald schließen sich immer mehr Kinder des Dorfes der Suchaktion an, bis es alle sind. Bis Kerze auch hier die Führung übernimmt und sie zusammen bellend und auf allen Vieren durch den Wald ziehen, in dem sie fortan auch leben. Und während die Kinder fort sind, stürzen die Eltern in eine Krise: Sie finden einfach keine Lösung, um ihre Zöglinge wieder nach Hause zu holen, aber mit der Hitschke ist schnell ein Sündenbock gefunden und ebenfalls eine neue Eskalationsstufe erreicht.

Mit Power hat Autorin Verena Güntner ein düster anmutendes Märchen erschaffen, das zwar nicht als realistischer Roman gelesen werden sollte, aber dennoch an vielen Stellen zum Nachdenken anregt. Viele Dinge und Gegebenheiten werden als überspitzt dargestellt, zeigen aber trotzdem ziemlich realitätsnah was passiert, wenn die Bindung zwischen Eltern und ihren Kindern fehlt.
Dabei geht sie stets sensibel vor und beschreibt klug die Kindheit ihrer Hauptprotagonistin in einem Dorf, in dem statt Volksmusik Rechtsrock aus dem Traktor plärrt und Einsamkeit und Desinteresse das Leben beherrschen.

Kerze ist kein einfach gestricktes Kind, das wird einem schon relativ früh bewusst. Aufmüpfig streckt sie der Welt nicht ihre Wange, sondern die ausgestreckte Faust entgegen und auch ihrer Mutter gegenüber tritt sie dabei so mutig wie angsteinflößend entgegen. Fast schon könnte man meinen die Rollen wären hier vertauscht, wenn sie ihr mit Ratschlägen wie Das Leben ist eine sehr ernste Sache, und ich hoffe, dass du das im Blick hast, Mama um die Ecke kommt, aber trotzdem nimmt man ihr das ab. Und das ist für mich auch der Grund, warum sich Kerze immer mehr Kinder anschließen. Es ist eine Mischung aus Spaß und Furcht, die sie antreibt ihr in den Wald zu folgen, in den Power vermutlich gelaufen ist, und es ist auch irgendwie selbstverständlich für sie, sich bald nur noch auf allen Vieren durch diesen zu bewegen – Zu bellen, vom Boden zu essen und sich nicht mehr zu waschen, während sie immer weiter im Dickicht verschwinden.
Aber was tun die Eltern gegen die Entfremdung? Nicht viel, außer kurz am Waldrand stehen und weinen, denn hinein traut sich niemand. Weil die Erwachsenen sich entfernt haben von der Natur und ihren Kindern, die sie nicht mehr verstehen – und vielleicht auch nie verstanden haben.
Und diese Passivität verwandelt sich schließlich in Wut, dessen Ventil in Form eines Prellbocks, die alter Hitschke dient und wie schnell sich Menschen radikalisieren können, sieht man spätesten dann, wenn die ersten Fensterscheiben der einsamen Frau zertrümmert in ihrem Garten liegen.

Ein bisschen erinnert einen Power an William Goldings Herr der Fliegen, denn Kerzes Kommando ist nichts für zartbesaitete Gemüter. Wer nicht folgt, muss auch mal Tannenzapfen hinunterwürgen oder Freunden zu identifikationszwecken am blanken Hinterteil riechen.
Wer sich aber auf diese Geschichte einlassen kann, der wird belohnt mit einer atmosphärisch außergewöhnlichen Geschichte, die unter die Haut geht.

 

 

Kerze gibt den Kindern in dieser Geschichte zwei Möglichkeiten: Wem die Regeln zu hart sind, soll nach Hause gehen – Wer bleibt, muss glauben.
Ähnlich lässt einem auch Verena Güntner die Wahl, wie man mit diesem Roman umgehen kann: Leg mich ruhig weg, oder aber bleib und nimm alles hin, was ich vorgebe.
Für mich war Power eine absolute Überraschung und darum reiht es sich auch nahtlos zu meinen Jahreshighlights ein!

 

♥ Vielen Dank an den Dumont Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über die Autorin
Verena Güntner, 1978 in Ulm geboren, spielte nach ihrem Schauspielstudium viele Jahre am Theater. Ihr Romandebüt ›Es bringen‹ (2014) wurde für die Bühne adaptiert und mit dem deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet. Verena Güntner erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, u.?a. den Kelag-Preis beim Bachmann-Wettbewerb und das Berliner Senatsstipendium. Sie lebt in Berlin.

Quelle: Dumont Verlag

 

 

 

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