Rezension Delphine de Vigan – Dankbarkeiten

Rezension Delphine de Vigan – Dankbarkeiten

Autor: Delphine de Vigan
Titel: Dankbarkeiten
Herausgeber: Dumont Verlag  
Datum der Erstveröffentlichung: 10. März 2020
Buchlänge: 176 Seiten
Titel der Originalausgabe:  Les gratitudes
ISBN: 978-3-8321-8112-3
Preis: HC 20,00€ / eBook 14,99€
Erwerben

 

♥ Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt ♥

 

 

Michka, die stets ein unabhängiges Leben geführt hat, muss feststellen, dass sie nicht mehr allein leben kann. Geplagt von Albträumen glaubt sie ständig, wichtige Dinge zu verlieren. Tatsächlich verliert sie nach und nach Wörter, findet die richtigen nicht mehr und ersetzt sie durch ähnlich klingende. Die junge Marie, um die Michka sich oft gekümmert hat, bringt sie in einem Seniorenheim unter. Der alten Frau fällt es schwer, sich in der neuen Ordnung einzufinden. In hellen Momenten leidet sie unter dem Verlust ihrer Selbstständigkeit. Doch was Michka am meisten beschäftigt, ist die bisher vergebliche Suche nach einem Ehepaar, dem sie ihr Leben zu verdanken hat. Daher gibt Marie erneut eine Suchanzeige auf, und Michka hofft, ihre tiefe Dankbarkeit endlich übermitteln zu können.
Klarsichtig und scharfsinnig zeigt Delphine de Vigan, was uns am Ende bleibt: Zuneigung, Mitgefühl, Dankbarkeit. Und zugleich würdigt sie in ›Dankbarkeiten‹ all diejenigen, die uns zu den Menschen gemacht haben, die wir sind.

Quelle: Dumont Verlag   

 

 

Vor etwa einem halben Jahr habe ich zum ersten Mal von Delphine de Vigan gehört und das auch nur durch Zufall, als ich ein Rezensionsexemplar eines anderen Autors beim Dumont Verlag anfragen wollte. Damals hat mir Torsten, der Social Media Beauftragte, nämlich Loyalitäten von de Vigan als Alternative zu dem gewünschten Titel angeboten und ich habe zugesagt.
Zum Glück, denn erst durch ihn wurde ich aufmerksam auf dieses französische Ausnahmetalent der Literatur und nun bin ich süchtig nach ihren Worten und ein ganz großer Fan! 

Ihre Romane haben mein Lesen verändert, meine Wahrnehmung für alltägliche Besonderheiten geschärft und gehören seitdem zu den wichtigsten und wertvollsten Büchern in meinem Regal.
Und nun kam Dankbarkeiten heraus, welches meine Gratitudes an sie nochmal steigern sollte.  

 

Alt werden heißt verlieren lernen.
Heißt jede oder fast jede Woche ein weiteres Defizit, eine weitere Beeinträchtigung, einen weiteren Schaden verkraften müssen. So habe ich es vor Augen. 
(Seite 123)

 

Der betagten Madame Seld, oder Michka, wie sie lieber genannt wird, gehen die Wörter verloren, gerade ihr, die doch die Worte so ernst nimmt. Denn dort, wo sie jetzt lebt, wohnen nicht Senioren, sondern Alte – schließlich sagt man ja auch die Jungen und nicht die Junioren. Ihr, die ein Leben lang für Wörter lebte und Korrektorin für ein großes Magazin war. Doch noch sucht sie nach ihnen.
Dement ist sie nicht, aber sie leidet unter fortschreitender Aphasie und weil Mischka dadurch nicht nur ihr Sprachvermögen Stück für Stück verliert, sondern auch einen Teil ihrer Orientierung, lebt sie jetzt hier, im Altenheim.
Zwei Besucher sind ihr dort geblieben: Marie, die schon in iher Wohnung für sie sorgte und Jérôme, der als Logopäde zweimal pro Woche kommt.
Und diese drei Menschen verbindet mehr.
Mischka war für Marie wie eine Mutter, weil ihre eigene kaum da war und ihr dadurch das Nest fehlte, die Sicherheit und ein Zuhause. Von Jérôme erfährt Michka in ihrer unverblümten Art, dass dieser den Kontakt zu seinem Vater längst resigniert und tief verletzt abgebrochen hat.
Und auch die alte Dame selbst verlor ihre Eltern, die sie damals im tobenden Krieg als Jüdin verlassen musste, um von einer neuen Familie aufgenommen zu werden, bis ihre Tante sie wieder geholt hat und dadurch der Kontakt zu dem Ehepaar abriss, das sie vor dem sicheren Tod gerettet hat.
Diesen beiden möchte sie jedoch als letzten Wunsch ihre Dankbarkeit übermitteln, um denen, die ihr einst das Leben gerettet haben zu zeigen, dass sie sie nie vergessen hat.

 

“Was haben Sie verloren, Madame Seld?”
“Man kann es nicht sehen. Aber ich spüre es. Es zerreißt sich…. Es entzieht sich.”
(Seite 15)

 

Aus dieser Dreierkonstellation gestaltet Delphine de Vigan ihren Erzählkosmos, in dessen Zentrum der Fixstern namens Dankbarkeiten hell leuchtet, natürlich neben der eigentlichen Hauptakteurin Michka, die für mich das Buch zu einem Juwel gemacht hat. Denn die Autorin schreibt in ihrer zunehmenden Sprachlosigkeit hinein, als würde sie selbst unter Aphasie leiden.
Es ist beklemmend und traurig zugleich zu lesen, wie viele Worte sich schleichend verabschieden, aber es ist auch ein faszinierender Kunstgriff, der uns verstehen lässt wie Mischka fühlt. Man weiß, was sie eigentlich sagen will, spürt zeitgleich aber auch das Loch, das jedes verlorene Wort in ihr noch vergrößert und trotz der unfreiwilligen Komik mancher Sätze tiefe Verzweiflung in uns und in ihr aufkommen lässt – weil Mischka nicht einfach verstummt, sondern bis zuletzt um das Leben anderer bemüht bleibt. 

Doch Dankbarkeiten hat mich nicht nur durch die Kraft der Sprache tief berührt, sondern auch dadurch, dass die Autorin vieles andeutet und es dann dem Leser selbst überlässt, was er daraus macht. Es sind die Momente, die einem durch Krankheit, das Sterben und den Tod genommen werden, Momente der Versöhnung. Momente und Versäumnisse, die den inneren Frieden unmöglich machen.

 

Wohin gehen die Wörter
Jede, die Widerstand leisten, 
Die sich zurücknehmen,
Jene, die urteilen
Und vergiften?
Wohin gehen die Wörter, 
Jene, die uns aufbauen und zerstören,
Jene, die uns retten,
Wenn alles flieht?
(La Grande Sophie)

Wann beispielsweise hast du dich bei jemandem bedankt, der mehr für dich getan hat, als es zu erwarten gewesen wäre?
Wie hast du dich bedankt und gibt es noch Dankbarkeiten, die noch nicht übermittelt wurden?
Diese Fragen blieben mir am Ende dieses unglaublich bewegenden Buches.
Genutzte gemeinsame Zeiten mit uns nahestehenden Menschen mag eine der wesentlichen Punkte sein, um Verluste zu vermeiden. In Wahrheit jedoch geht es um die Qualität dieser Zeit, bevor alles endet. 

Ich könnte noch so viel mehr schreiben, euch noch ausschweifender erzählen, warum ich dieser Autorin nur einmal in meinem Leben begegnen möchte um ihr für die Gefühle, die sie in mir geweckt hat, zu danken, aber ich halte mich kurz und schließe mit den Worten: 

Lest Dankbarkeiten , denn dieses Buch ist nicht beliebig. Es ist in jeder Nuance besonders und bleibt haften.
Mischka zu vergessen, wird mir definitiv nicht gelingen.

 

 

Dankbarkeiten erzählt einfühlsam und sprachgewaltig die Geschichte vom allmählichen Erlöschen einer Person und ist dabei so wunderschön und authentisch, dass ich aufpassen musste, das Buch nicht mit meinen Tränen zu durchweichen.

Dankbarkeiten ist ein Roman von Delphine de Vigan.
Punkt.
Grund genug es zu lesen. 

Ich kann es euch nur ans Herz legen (wie alle anderen Bücher dieser Autorin), denn Vergleichbares wird man so schnell nicht finden. 

 

 

♥ Vielen Dank an den Dumont Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über die Autorin 
Delphine de Vigan, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman ›No & ich‹ (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman ›Nach einer wahren Geschichte‹ (DuMont 2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Bei DuMont erschien außerdem 2017 ihr Debütroman ›Tage ohne Hunger‹ und 2018 der Roman ›Loyalitäten‹. Die Autorin lebt mit ihren Kindern in Paris.

Quelle: Dumont Verlag 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.