Rezension Saša Stanišić – Herkunft

Rezension Saša Stanišić – Herkunft

Autor: Saša Stanišić
Titel: Herkunft
Herausgeber: Luchterhand Literaturverlag
Datum der Erstveröffentlichung: 18. März 2019
Buchlänge: 368 Seiten
ISBN: 978-3-630-87473-9
Preis: HC 22,00€ / eBook 17,99€
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 Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt 

 

 

HERKUNFT ist ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt.

HERKUNFT ist ein Buch über meine Heimaten, in der Erinnerung und der Erfindung. Ein Buch über Sprache, Schwarzarbeit, die Stafette der Jugend und viele Sommer. Den Sommer, als mein Großvater meiner Großmutter beim Tanzen derart auf den Fuß trat, dass ich beinahe nie geboren worden wäre. Den Sommer, als ich fast ertrank. Den Sommer, in dem die Bundesregierung die Grenzen nicht schloss und der dem Sommer ähnlich war, als ich über viele Grenzen nach Deutschland floh.

HERKUNFT ist ein Abschied von meiner dementen Großmutter. Während ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre. HERKUNFT ist traurig, weil Herkunft für mich zu tun hat mit dem, das nicht mehr zu haben ist.

In HERKUNFT sprechen die Toten und die Schlangen, und meine Großtante Zagorka macht sich in die Sowjetunion auf, um Kosmonautin zu werden.

Diese sind auch HERKUNFT: ein Flößer, ein Bremser, eine Marxismus-Professorin, die Marx vergessen hat. Ein bosnischer Polizist, der gern bestochen werden möchte. Ein Wehrmachtssoldat, der Milch mag. Eine Grundschule für drei Schüler. Ein Nationalismus. Ein Yugo. Ein Tito. Ein Eichendorff. Ein Saša Stanišić.

Quelle: Luchterhand Literaturverlag  

 

 

Woher kommst du? ist eigentlich eine ganz einfache Frage, die wir relativ oft unüberlegt stellen. Doch Herkunft oder gar Heimat sind Dinge, die sich nicht immer leicht definieren lassen und genau das beweist Saša Stanišić in seinem neuen Buch Herkunft, für welches er mit dem deutschen Buchpreis 2019 ausgezeichnet wurde. 

 

Ich glaube, dass es gibt wenig Schlimmeres gibt, als zu wissen, wo man hingehört, aber dort nicht sein kann.
(Seite 174)

 

Eine Großmutter, die aus Nierenbohnen die Zukunft liest. Eine andere, die langsam ihre Erinnerungen verliert. Drachen und Drachentöter, Nationalismus, Roter Stern Belgrad, ein Land, das es nicht mehr gibt, eine Aral-Tankstelle in Heidelberg, eine Sprache, die neu erlernt werden muss, Abschiebung.
Die Antwort auf die Frage, um was es in Saša Stanišićs Herkunft konkret geht, ist keine einfache. Natürlich könnte man lapidar mit der Identitätssuche des Autors antworten, aber das würde dem Roman in kleinster Weise gerecht werden. 

Geboren wurde Saša Stanišić 1978 in Višegrad im damaligen Jugoslawien – heute gehört die Stadt zu Bosnien und Herzegowina. Seine Mutter ist Serbin, sein Vater Kroate. Als 1992 der Bosnienkrieg ausbricht, flüchtet er mit seiner Mutter nach Deutschland, sein Vater und die Großmutter folgen später nach. Der Neubeginn in Heidelberg ist für alle schwer, da zum einen die Sprache neu erlernt werden muss und zum andern feste Arbeitsstellen ohne deutsche Sprachkenntnisse relativ schwer zu finden sind. Halt geben Stanišić in dieser Zeit die Treffen mit anderen emigrierten Jugendlichen an einer ARAL-Tankstelle, denn diese war Jugendzentrum, Getränkelieferant und ein Stück Heimat zugleich. Und während er langsam beginnt Fuß zu fassen, befinden sich seine Eltern am Rand des sozial und körperlich Erträglichen, schuften auf Baustellen und Wäschereien und sind oft nur am Wochenende zu Hause. 1998 sollen diese dann auch wieder das Land verlassen – fliehen in die USA, um der drohenden Abschiebung zu entkommen, wobei Stanišić durch sein Studium in Heidelberg bleiben darf.
Heute lebt  seine Familie über den gesamten Erdball verstreut, denn wie Jugoslawien, sind auch sie auseinandergebrochen. 

 

Meine Erinnerungen sind Variablen der Sehnsucht. 
Großmutters Erinnerungen Variablen der Krankheit.
(Seite 112)

 

Besonders große Bedeutung kommt Stanišićs Großmutter Kristina zu, die er auf der Suche nach Antworten um seine Vorfahren mehrfach in Bosnien besucht. Wie zu Beginn schon erwähnt, ist sie aber diejenige, die langsam alle Erinnerungen verliert und an Demenz leidet und der Satz Meine Erinnerungen sind Variablen der Sehnsucht. Großmutters Erinnerungen Variablen der Krankheit hat mir in diesem Zusammenhang eine wahnsinnig intensive Gänsehaut beschert. Auch sonst ist das Porträt von Kristina sehr intensiv und mit viel Gefühl geschrieben und wird mir wohl noch lange im Gedächtnis bleiben. Stanišić reduziert sie nicht nur auf ihre Krankheit, sondern gewährt uns einen liebe- und respektvollen Blick auf seine Großmutter und das hat auch dazu geführt, dass ich am Ende mit Tränen in den Augen dasaß und das Buch wie einen Schatz in meinen Schoß gelegt habe. 

 

 

Herkunft ist ein Buch über die Zufälligkeit der familiären Wurzeln, die für manche bei der Beurteilung eines Menschen wichtiger sind als Wesen und Charakter. Es ist eine Autobiografie und doch wieder nicht. Es ist vieles und definitiv auch ein verdienter Gewinner des deutschen Buchpreises 2019. 

Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung. 

 

 

♥ Vielen Dank an den Luchterhand Literaturverlag  der Verlagsgruppe Randomhouse für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über den Autor
Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad (Jugoslawien) geboren und lebt seit 1992 in Deutschland. Seine Erzählungen und Romane wurden in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Saša Stanišić erhielt u.a. den Preis der Leipziger Buchmesse für »Vor dem Fest« und zuletzt für »Herkunft« den Deutschen Buchpreis 2019 sowie den Eichendorff-Literaturpreis und den Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster. Er lebt und arbeitet in Hamburg.

Quelle: Luchterhand Literaturverlag   

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