Rezension Gøhril Gabrielsen – Die Einsamkeit der Seevögel

Rezension Gøhril Gabrielsen – Die Einsamkeit der Seevögel

Autor: Gøhril Gabrielsen
Titel: Die Einsamkeit der Seevögel
Herausgeber: Suhrkamp / Insel Verlag 
Datum der Erstveröffentlichung: 12. August 2019
Buchlänge: 174 Seiten
ISBN: 978-3-458-17780-7
Preis: HC 20,00€ / eBook 16,99€
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 Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt 

 

 

Eine Wissenschaftlerin reist mitten im Winter nach Finnmark, dem äußersten Zipfel Norwegens. Dort möchte sie das Schwinden der Zugvögelpopulationen und die Klimaveränderungen untersuchen. Fern jeder Zivilisation findet sie Freiheit und Luft zum Atmen, nach der sie sich in ihrer gescheiterten Ehe so gesehnt hatte.

Ganz allein, umgeben von endlosem Schnee, tosendem Meer und rauen Naturgewalten, wartet sie auf die Ankunft der Vögel. Und auf ihren Geliebten, der mit ihr die Einsamkeit teilen will. Doch warum verschiebt er seine Ankunft? Woher kommen die seltsamen Geräusche in ihrer Hütte? Und war es der Wind, der ihr über den Körper strich, oder ist sie doch nicht allein?

Als die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Wahn, Gegenwart und Vergangenheit immer mehr verschwimmen, muss sie sich endgültig dem stellen, was sie hinter sich gelassen hat.

Quelle: Suhrkamp / Insel Verlag  

 

 

Einsamkeit. Nur die notwendigsten Dinge umgeben einen, Luxusgüter bleiben zu Hause.
Stille, die nur von der Natur selbst unterbrochen wird.
Abgeschiedenheit. Der nächste Nachbar wohnt kilometerweit entfernt.
Kein Ehemann, der dich hochschrecken lässt während er dich unvermittelt fragt: Hast du das heute besorgt?
Einsamkeit, in seiner reinsten Form. Weit weg vom alltäglichen Leben. 

Ab und an träume ich davon, mich mit einem großen Stapel Bücher auf und davon zu machen. Irgendwohin, wo mich nur meine eigenen Gedanken ablenken können. Kein Straßenlärm, keine Stimmen, die nicht meine sind.
Und genau diese Stimmung ist es meiner Meinung nach auch, die man braucht, um sich voll und ganz auf Die Einsamkeit der Seevögel von Gøhril Gabrielsen einlassen zu können – denn es ist kein Buch für die U-Bahn, kein Buch für Zwischendurch. 

Nur über ihr Satellitentelefon kann die junge Wissenschaftlerin zu ihren Liebsten Kontakt aufnehmen, als sie sich dazu entscheidet an den nördlichsten Rand Norwegens zu reisen, um dort die Einflüsse klimatischer Veränderungen auf die Seevögel zu untersuchen. Sie fühlt sich frei und freut sich schon jetzt auf den Tag, an dem ihre Einsamkeit nur durch die Ankunft ihres Freundes unterbrochen wird, der in ein paar Wochen nachkommen will. Doch in der Abgeschiedenheit, nur auf sich selbst zurückgeworfen, stößt sie auch auf die dunkle Seite ihres Ichs, bis sie nach und nach immer mehr die Kontorolle verliert. 

 

Denn Fürsorge ist nicht gleich Fürsorge, wie bei den Seevögeln, wo Männchen und Weibchen sich instinktiv und natürlich die Aufgaben teilen. Nein, bei den Menschen ist Fürsorge oft ein Mittel, eine Methode, und für dich, S., bedeutet Fürsorge Macht auszuüben; Line ist dabei deine Trophäe.
(Seite 109)

 

Gøhril Gabrielsen legt in Die Einsamkeit der Seevögel zu Beginn sehr viel Wert auf die Eindrücke, die das grenzenlos erscheinende und verschneite Finnmark einem vermitteln soll. Man fröstelt, zieht die Decke enger um sich und sieht vor dem inneren Auge die Landschaft entstehen.
Sprachlich intensiv nimmt sie den Leser mit in die Einöde, in der sich lediglich nur ihre Protagonistin befindet und beschreibt beeindruckend ihre Einsamkeit, die aber auch zeitgleich einen inneren Prozess in Gang bringt. Sie beschäftigt sich gedanklich sehr viel mit ihrer daheimgebliebenen Tochter und dem gewaltbereiten Exmann, freut sich aber zeitgleich auch auf das Kommen ihres Geliebten Jo. Bis sich dann Tagträume in ihre Gedanken einschleichen, die von einer Familie erzählen, die vor ca. 140 Jahren genau an dem Ort gelebt hat, an dem sie sich gerade aufhält. Und irgendwann vermischen sich Traum und Realität so, dass sie nicht mehr unterscheiden kann, was wirklich ist, und was nicht. 

Was mich landschaftlich überzeugen konnte, bremste meine Euphorie jedoch, wenn es um die Protagonistin selbst ging. Durch denn Umstand, dass man den Namen der Forscherin nie erfährt, ist man immer irgendwie auf Abstand zu ihr. Wo man auf der einen Seite mit schonungsloser Offenheit ihrer Gedankenwelt belohnt wird, wirkt sie leider auch über die gesamte Geschichte hinweg eher unnahbar und unterkühlt. Oft fehlte es ihr so an Menschlichkeit, um mich voll und ganz von ihr einnehmen zu lassen – und trotzdem bin ich restlos begeistert vom Gesamtkunstwerk und dem Sog, der Die Einsamkeit der Seevögel entstehen ließ.

 

 

Ein Buch über die Zweifel an den Gedanken und Gefühlen. Eine Geschichte über die finstere Macht der Fantasie und darüber, was sie mit dir macht, wenn du dich ihr schutzlos auslieferst.

Ich habe Die Einsamkeit der Seevögel an einem stillen Tag begonnen und auch beendet und kann euch nur raten es genauso zu tun.
Lest es in Ruhe. Lasst es wirken und euch mitreißen – dann werdet ihr mit einer beeindruckenden Geschichte belohnt 

 

 

♥ Vielen Dank an den Suhrkamp/Insel Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über die Autorin 

Gøhril Gabrielsen, geboren 1961, ist eine norwegische Autorin. Sie wuchs in Finnmark auf, wo auch ihr Roman spielt, und lebt heute in Oslo. Für ihre bislang fünf Romane wurde sie von Literaturkritik und Publikum gleichermaßen gefeiert und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Aschehoug Debutant Preis 2006. Die Einsamkeit der Seevögel ist ihr erster Roman in deutscher Übersetzung.

Quelle: Suhrkamp / Insel Verlag  

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