Rezension Ceylan Scott – Auf einer Skala von 1 bis 10

Rezension Ceylan Scott – Auf einer Skala von 1 bis 10

Autor: Ceylan Scott
Titel: Auf einer Skala von 1 bis 10
Herausgeber: Carlsen Verlag
Datum der Erstveröffentlichung: 31. Mai 2019
Buchlänge: 224 Seiten
Titel der Originalausgabe:  On a Scale of 1 to 10
ISBN: 978-3-646-92512-8
Preis: HC 15,00€ / eBook 10,99€
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 Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt 

 

 

Iris ist tot. Und Tamar sitzt in Lime Grove, einer geschlossenen Jugendpsychiatrie, wo sie den ganzen Tag lang sinnlose Fragen beantworten soll. Wie fühlst du dich, auf einer Skala von 1 bis 10? Du weißt schon, dass du dich nicht normal verhältst? Was genau ist eigentlich passiert? Aber Tamar sagt nichts. Sie kann einfach nicht erzählen, was mit Iris geschehen ist. Das Monster lässt es nicht zu.

Packend, echt, mitfühlend – dieser Insiderroman liest sich wie ein Thriller und sensibilisiert für die dramatischen Ausmaße psychischer Krankheiten.

Quelle: Carlsen Verlag

 

 

Bei den meisten Büchern kann ich es kaum erwarten meine Rezension zu verfassen sobald ich die letzte Seite gelesen habe. Meine Gefühle sollen relativ frisch sein, damit ich auch wirklich nichts vergesse und möglichst detailgetreu alles wiedergeben kann, was ich empfunden habe. 

Anders jedoch erging es mir bei Auf einer Skala von 1 bis 10 und ich glaube, dass ich mich wirklich schon lange nicht mehr so vor einer Rezension gedrückt habe.
Aber warum eigentlich? Was war so anders an diesem Buch?
Um ehrlich zu sein war es die unglaublich real wirkende Geschichte. Hier scheint nichts erfunden oder übertrieben, die Charaktere könnten nebenan wohnen oder sogar Freunde von mir sein – und ein Stück weit betrifft sie uns alle.
Denn wenn ich beispielsweise mitten am Tag so ganz nebenbei gefragt werde wie es mir eigentlich geht, denke ich oft nicht großartig nach sondern sage einfach “Gut, danke. Und dir?“.
Ich mache mir gar nicht erst die Mühe von meinen Wehwehchen zu erzählen auch wenn ich es könnte, aber dazu müsste ich in mich hineinhorchen. Intensiv. Und das will ich nicht.
Anders herum ist es doch auch so, dass man gar nicht damit rechnet, dass der Gegenüber einem sein Herz ausschüttet wenn ich nach seinem Wohlbefinden frage oder?
Aber kann ich es dann nicht gleich lassen, wenn eh keiner ehrlich antwortet?
Ok, ok ich schweife ab – zu viele Gedanken, die sich sammeln sobald ich über dieses Buch rede und dabei habe ich wahrlich schon viele über psychische Krankheiten gelesen.
Aber dieses hier hat einfach etwas Besonderes an sich. 

Tamars Schmerz, ihre Verzweiflung und ihre Schuldzuweisung an sich selbst fühlten sich alle so wahr an. Die Art und Weise, wie sie über ihre Krankheit denkt – wie sie sich von dieser mit Haut und Haaren auffressen lässt – wirkte realistisch. Die Angst, die sie verspürt wenn sie Hilfe zulassen würde war so lebendig. Hilfe annehmen, sich einem Psychiater öffnen und der Drang sich selbst zu verletzen haben die Seiten förmlich atmen lassen.
Es ist so schwer Menschen in ihre Köpfe zu schauen und zu wissen was sie wirklich fühlen, aber Ceylan Scott hat es mit unglaublich viel Feingefühl geschafft und ein Bild dessen zu vermitteln. Sie hat die Ängste und die Konsequenzen mit Bedacht in Worte gefasst und genau das ist es, was mir bei dieser Geschichte so unter die Haut gegangen ist.

Auch die typischen Klischees, die viele Jugendbücher in Bezug auf psychische Erkrankungen oft vermitteln, sucht man hier vergebens. Gerade wenn es um stationäre Aufenthalte geht, wird einem entweder ein Bild eines Höllenlochs oder eines fröhlichen Sommerlagers vermittelt. Ceylan Scott hingegen macht alles richtig. Sie zeigt die Tücken, die schlechten, aber auch die überraschenden und herzerwärmend guten Seiten einer solchen Behandlung und Betreuung auf, ganz ohne Kitsch oder Beschönigungen.
Apropos Kitsch: Es gibt hier auch keinen Märchenprinzen in Form eines Mitpatienten, der Tamars Herz erobert. Keinen, der ihre Narben ohne Erlaubnis anfasst und ihr sagt: Du bist wunderschön, auch wenn du es noch nicht sehen kannst. Auch keinen Patienten, der stirbt und Tamar dadurch anspornt endlich gesund zu werden und das Leben zu genießen. Niemand ist am Ende plötzlich geheilt und alle kämpfen Tag für Tag aufs Neue. 
Auf einer Skala von 1 bis 10 mag manchmal brutal wirken, aber das ist die Krankheit und die Genesung auch.
Hier gibt es keinen Zuckerguss, aber Hoffnung. Und davon ganz viel.

 

 

Ehrlich und düster, klar und doch irgendwie lyrisch – das alles ist Auf einer Skala von 1 bis 10 für mich.

Ich habe gelacht und die eine oder andere Träne verdrückt. Mein Herz wurde gebrochen, aber die Geschichte fügte es auch wieder zusammen.
Ich habe die Dringlichkeit gefühlt, die mir diese Seiten vermitteln wollten und habe sie in mich aufgesogen.
Und ich bin unendlich dankbar für dieses Buch.

 

 

♥ Vielen Dank an den Carlsen Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über die Autorin 

Ceylan Scott wurde 1997 in London geboren. Bereits in der Pubertät litt sie verstärkt unter psychischen Problemen. Inzwischen wurde bei ihr eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Sie lebt zusammen mit ihren Eltern, ihrer Zwillingsschwester und drei Familienhunden in Bath und studiert mittlerweile Psychologie und Kriminologie. »Auf einer Skala von 1 bis 10« ist ihr erster Roman.

„Mit sechzehn habe ich mich entschieden, ein Buch zu schreiben. Ich wurde gerade in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, hatte zu viel Zeit und Tausend Dinge gingen mir im Kopf herum. Alles frustrierte mich: weit weg von zu Hause zu sein, das Stigma und das Missverständnis, was mir und anderen, die so waren wie ich, entgegengebracht wurde. Obwohl Tamar und die schillernden Leute, die sie trifft, vollkommen fiktiv sind, mussten wir doch einen ähnlich steinigen Weg bis zur Genesung gehen. Einen Weg, den viele für unmöglich halten. Für mich war das Schreiben eine kathartische Erfahrung. Ich konnte meinen starken, intensiven Gefühlen endlich freien Lauf lassen, sie dann packen und ordnen. Ich glaube, das Resultat ist ein Buch, was sich echt anfühlt. Real ist. Weil Tamars Gefühle real sind. Real für mich, real für andere Jugendliche und real für die, die unter einer psychischen Krankheit leiden. Aber vor allem habe ich dieses Buch geschrieben, weil es mir Kraft gegeben hat. Und ich hoffe sehr, dass es zumindest einen Funken Hoffnung schenkt, Stärke und Kraft gibt, für alle, die von der Dunkelheit gefangen gehalten werden.“

Quelle: Carlsen Verlag

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