Rezension Christina Hesselholdt – Vivian

Rezension Christina Hesselholdt – Vivian

Autor: Christina Hesselholdt
Titel: Vivian
Herausgeber: Hanser Berlin
Datum der Erstveröffentlichung: 20. Juli 2020
Buchlänge: 208 Seiten
Titel der Originalausgabe: Vivian
ISBN: 978-3-446-26589-9
Preis: HC 21,00€ / eBook 15,99€
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♥ Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt 

 

 

Als sie im Jahr 2009 stirbt, ist Vivian Maier eine einsame, verarmte Frau, die praktische Männerschuhe bevorzugte und skurrilerweise ständig eine Kamera bei sich trug. Kurz darauf avanciert sie posthum zur genialen Straßenfotografin: In ihrer Wohnung findet man einen riesigen Bilderschatz – an die 200.000 Fotos hat Vivian Maier über die Jahre aufgenommen, die meisten davon jedoch nie entwickelt. Wer war diese Frau, und was hat sie dazu bewogen, ein fotografisches Werk zu schaffen, ohne es je sichtbar zu machen? In Vivian geht Christina Hesselholdt der Faszination dieses Mysteriums nach. Ihr Roman ist ein vielschichtiges, zutiefst inspiriertes literarisches Porträt einer radikal unabhängigen Frau.

Quelle: Hanser Berlin

 

 

 

Manchmal beginne ich ein Buch, lese eine bestimmte Passage und entdecke dann einen Literaturverweis oder eine mir unbekannte Person, die mich zu meinem Handy greifen lassen, um mehr über sie zu erfahren. Kennt ihr das? Stunden könnte ich so zubringen, immer neue Bücher auf die Wunschliste wandern lassen und nebenbei eine Dokumentation nach der anderen einschalten, damit mein Wissensdurst endlich gestillt ist.
Vor ein paar Jahren hatte ich einen solchen Moment, als ich in einem Roman über den Namen Vivian Maier gestolpert bin – welches Buch das war, kann ich jetzt gar nicht mehr sagen, aber Vivian blieb hängen. Seitdem fasziniert mich diese Frau, die leider erst nach ihrem Tod die Aufmerksamkeit bekam, die ihr schon zu Lebzeiten zustand, denn ihre Bilder sind wahrlich ein Schatz.
Doch wer war diese Straßenfotografin, die zahllose Fotos aufgenommen, aber kaum entwickelt hat? Warum hortet man kartonweise Negative und lässt sie dann unbeachtet verstauben?

Diese Frage (und noch einige mehr) hat Christina Hesselholdt nun in ihrem fiktiven Lebensporträt über Vivian Maier beantwortet, das sich mindestens genauso ungewöhnlich liest, wie das Leben ihrer Protagonistin zu Lebzeiten war.

 

“Warum fotografieren Sie? “
“Weil es meinen Kopf von allem anderen befreit.“
“Aber warum so viel?“
“Es ist besser, nach außen zu gucken als nach innen.“
“Was meinen Sie damit?“
“Die Welt ist lustiger als mein Gehirn.“
(Seite 42)

 

Vivian Dorothea Theresia Maier wurde 1926 in New York City geboren. Ihre französische Mutter Maria Jaussaud und ihr österreichischer Vater Karl Wilhelm von Maier kamen als Immigranten in die USA. Zudem hatte sie einen Bruder, der entweder Charles oder Carl genannt wurde.
Vivian arbeitete hauptsächlich als Kindermädchen für verschiedene Familien in New York und Chicago. Als sie 2009 starb, entdeckte man in ihrem Nachlass 200.000 Schwarz-Weiß-Fotos, die auch bei Versteigerungen angeboten wurden. Die meisten davon sind nicht entwickelt. Sie war weder verheiratet, noch hatte sie eigene Kinder, zählt aber heute zu den spannendsten Straßenfotografinnen des 20. Jahrhunderts.

 

Weil ich für immer unberührt bleiben werde, brauche ich meine Zeit nicht mit Nebensächlichkeiten wie Frisuren oder Kleidung zu verschwenden, ich bin hier, um zu sehen.
(Seite 167)

 

Da es kaum autobiografisches Material über Vivian Maier gibt, hat sich die Autorin für einen eher ungewöhnlichen Weg entscheiden ihr Leben zu porträtieren.
Sie setzt einen allwissenden Erzähler ein, der ab und an auch direkt mit Vivian zu kommunizieren scheint und lässt dadurch sie, aber auch andere Menschen denen sie begegnet ist, wie etwa ihre wohlhabenden Arbeitgeber, für die sie als Kindermädchen jobbte, zu Wort kommen.
Dabei wird sie als forsche, wenig einfühlsame und etwas sonderliche Einzelgängerin beschrieben, die weder an Männern noch an Frauen interessiert war.
Aber woher kommen diese Informationen? Hat Christina Hesselholdt das alles aus ihren Selbstporträts erkannt? War sie das wirklich? Anfangs war meine Skepsis hoch, schwand aber mit jeder Seite ein kein wenig mehr, bis ich nun, nach dem Beenden tatsächlich sagen kann, dass es ein ungewöhnliches Leseerlebnis war, dafür jedoch ein höchst gelungenes. Aber eine reine Biografie ist es nicht, eher eine Annäherung.

 

Früher dachte ich, Einsamkeit würde bedeuten, endlich meine Ruhe zu haben, jetzt weiß ich, es bedeutet, dass niemand mehr da ist, der auch nur ein kleines bisschen über mich weiß.
(Seite 169)

 

Es bleibt viel Raum für Spekulationen, unterschiedliche Stimmen werden in kurze Absätze gegliedert und genau das verleiht dem Buch auch eine gewisse Leichtigkeit.
So entsteht ein durchscheinendes und fragiles Bild über eine Frau, die wohl nie ganz greifbar sein wird. Sie war immer nur kurz da, drückte auf den Auslöser, lässt ihre Kamera sinken und verschwindet eilig wieder aus dem Blickfeld.

 

 

 

In diesem fiktiven Lebensporträt über Vivian Maier wird aus der Fotografin eine Frau, die sich bewusst der Öffentlichkeit entzogen hat. Sie wird von einer realen zu einer literarischen Person, über die vieles unbekannt bleibt – aber vielleicht ist es genau das, was die so Besonders macht.
Von mir gibt es deshalb auch eine klare Leseempfehlung!

 

♥ Vielen Dank an den Hanser Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

 

Über die Autorin
Christina Hesselholdt, geboren 1962, gilt längst als eine der außergewöhnlichsten Stimmen der zeitgenössischen dänischen Literatur. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Beatrice Prize (2007), dem Critics’ Prize (2010) und zuletzt (2018) dem Grand Prize of the Danish Academy. 2018 erschien ihr Roman Gefährten bei Hanser Berlin

Quelle: Hanser Berlin

 

 

 

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