Rezension Lana Lux – Jägerin und Sammlerin

Rezension Lana Lux – Jägerin und Sammlerin

Autor: Lana Lux
Titel: Jägerin und Sammlerin
Herausgeber: Aufbau Verlag
Datum der Erstveröffentlichung: 10. März 2020
Buchlänge: 304 Seiten
ISBN: 978-3-351-03798-7
Preis: HC 20,00€ / eBook 14,99€
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♥ Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt 

 

 

Alisa ist zwei Jahre alt, als sie mit ihren Eltern die Ukraine verlässt, um nach Deutschland zu ziehen. Aber das Glück lässt auch im neuen Land auf sich warten: Alisas schöne Mutter ist weiter unzufrieden, möchte mehr, als der viel ältere Vater ihr bieten kann. Die Tochter, die sich so sehr um ihre Liebe bemüht, bleibt ihr fremd. 15 Jahre später ist Alisa eine einsame junge Frau, die mit Bulimie und Binge-Eating kämpft. Mia, wie sie ihre Krankheit nennt, ist immer bei ihr und dominiert sie zunehmend …
Lana Lux erzählt hellwach und mit großer Intensität von Mutter und Tochter, die – so unterschiedlich sie sind – gefangen sind im Alptraum einer gemeinsamen Geschichte.

Quelle: Aufbau Verlag 

 

 

 

Wenn man sich in der Geschichte eines Romans wiedererkennt, möchte man am liebsten an solche denken, die einem Freude bereiten. Von der ersten bis zur letzten Seite mit Liebe und Spaß gefüllt sind, weil das eigenen Leben bisher genauso war.
Doch auch wenn in meiner Vergangenheit und in meiner Gegenwart sowohl Spaß, als auch Liebe bestimmt nie zu kurz gekommen sind, ist es doch Jägerin und Sammlerin gewesen, das mich zum ersten mal so richtig hart getroffen hat, weil es so wahr ist. Weil ich die Protagonistin Alisa aus dem Buch von Lana Lux besser kenne und verstehe, als manche meiner Freunde. Teilweise hat es mich traurig gemacht und erschreckt, wie nah an der Realität die Autorin schreibt, teilweise hat es mich aber auch beruhigt, weil selbst hier die Hoffnung auf Heilung jederzeit bestehen kann.
Aber vielleicht sollte ich euch erstmal sagen, worum es in diesem Buch überhaupt geht.

Alisa lebt als Tochter ukrainischer Einwanderer in Berlin. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Mascha teilt sie sich eine Wohnung, in der sie ursprünglich mit ihrer Mutter gelebt hat, bevor diese mit ihrem neuen Freund zusammen zog. Ihr leiblicher Vater ist schon länger in die Ukraine zurückgekehrt.
Alisa ist gut in der Schule und verdient ihren eigenen Lebensunterhalt mithilfe mehrerer Aushilfsjobs, aber sie ist auch depressiv und leidet seit mehreren Jahren unter Bulimie. Die Anfälle, in denen sie unkontrolliert Essen in sich hineinstopft und es anschließend wieder erbricht, bestimmen zunehmend ihr Leben. Dabei wäre sie gerne mehr wie ihre Freundin Mascha, die kleine, zierliche, magersüchtige Balletttänzerin, aber Alisa ist von ihrer Grundstatur genau das Gegenteil –  und somit scheint der Kampf gegen den eigenen Körper ein auswegloser. Als sie schließlich erkennt, dass sie es ohne professionelle Hilfe wohl nie aus diesem Teufelskreis heraus schafft, begibt sie sich in eine Klinik. Ihre Psychologin rät ihr, die eigene Lebensgeschichte aufzuschreiben, und Alisa fängt an, sich auf diese Weise mit ihrer Kindheit auseinanderzusetzen. Vor allem mit dem Verhältnis zu ihrer schönen, aber emotional schwer zu greifenden Mutter. Schließlich gibt Alisa den Rat der Psychologin an ihre Mutter weiter, wodurch auch Tanya anfängt ihre Lebensgeschichte niederzuschreiben. Und Satz für Satz bekommen wir Einblicke in die Vergangenheiten beider Frauen, die sich ihr Leben lang an ihrer Beziehung zueinander verletzt haben.

 

“Ich habe einfach noch nicht gelebt. Ich habe gewartet…“
“Worauf denn?“
“Das ich dünn genug bin, mit meinem Leben zu beginnen…“

(Seite 174)

 

Intensiv und authentisch – das sind die ersten zwei Worte, die mir zum Roman Jägerin und Sammlerin von Lana Lux einfallen.
Selbsthass, Scham, der Wunsch, einfach mit dem Essen aufhören zu können, das unerträgliche Völlegefühl, Wut, der Gedanke wieder einmal versagt zu haben, nicht Willensstark genug zu sein – das sind alles Gefühle, die ich selbst Jahrelang mit mir herumgetragen habe und teilweise noch immer mit mir herumtrage. Denn eine Essstörung geht nicht einfach mit der Pubertät weg, sondern haftet sich an dein Leben und lässt dich nur dann los, wenn du die Ursachen entschlüsselst und den eigenen Willen besitzt, sie endlich gehen zu lassen.
Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass die Essstörung, neben der oft mit einhergehenden Depression, eine der schlimmsten psychischen Erkrankungen überhaut ist, mit der viele in der heutigen Gesellschaft zu kämpfen haben, denn ohne Essen geht es nicht – mit aber leider oft auch nicht.

Mit intensiven Worten beschreibt die Autorin, wie erst die Anorexie, dann die Bulimie das Leben von Alisa übernimmt und sie in eine schwere Depression führt. Wie Tanya, ihre Mutter, oft herzlos und egoistisch mit ihr umgeht, weil sie auch Sorgen und Ängste hat und diese unbedingt mit ihrer Tochter teilen möchte. Weil sie die einzige ist, die noch übrig ist.
Kompromisslos zeichnet sie ihre Figuren so wie sie sind und gibt dabei gnadenlose Einblicke in ihre Emotionen, ihren Schmerz und ihr Handeln. Sie schert sich relativ wenig darum, ob sie dabei Sympathien beim Leser weckt, was für den ein oder anderen sicherlich zu einer Herausforderung werden kann. Aber genau dieser Realismus ist auch die Stärke von Jägerin und Sammlerin, denn man merkt, dass Lana Lux für die Emotionen, die Ängste sich ihnen zu stellen und mit ihnen umzugehen brennt. Und dieses Feuer geht auch auf den Leser über, wenn er es zulässt. Es fällt einem sicherlich nicht leicht, sich mit Frauen wie Tanya auseinanderzusetzten, aber es fühlt sich trotzdem irgendwie gut an, wenn man quasi dazu gezwungen wird.
Am Ende gibt es trotz allem zwar einen Funken Hoffnung, aber auch keinen Zweifel daran, dass vor Mutter und Tochter noch ein langer Weg liegt.

 

 

Lana Lux erzählt in Jägerin und Sammlerin von einer traurigen und tief bewegenden Mutter-Tochter-Beziehung, die von Druck und Selbsthass geprägt ist.
Ein intensives, dichtes und authentisches Buch, das mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat. Eine großartige Geschichte, gerade weil sie so weh tut.

 

 

♥ Vielen Dank an den Aufbau Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über die Autorin
Lana Lux, geboren 1986 in Dnipropetrowsk/Ukraine, wanderte im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern als Kontingentflüchtling nach Deutschland aus. Sie machte Abitur und studierte zunächst Ernährungswissenschaften in Mönchengladbach. Später absolvierte sie eine Schauspielausbildung am Michael Tschechow Studio in Berlin. Seit 2010 lebt und arbeitet sie als Schauspielerin und Autorin in Berlin. 2017 erschien ihr vielbeachtetes Debüt „Kukolka“, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde, 2020 ihr neuer Roman „Jägerin und Sammlerin“.

Quelle: Aufbau Verlag

 

 

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