Rezension Delphine de Vigan – Loyalitäten

Rezension Delphine de Vigan – Loyalitäten

Autor: Delphine de Vigan
Titel: Loyalitäten
Herausgeber: DuMont Buchverlag 
Datum der Erstveröffentlichung: 13. September 2018
Buchlänge: 176 Seiten
Titel der Originalausgabe:  Les loyautés
ISBN: 978-3-8321-8359-2
Preis: HC 20,00€ / eBook 15,99€
Erwerben

 

 Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt ♥

 

 

Der 12-jährige Théo ist ein stiller, aber guter Schüler. Dennoch glaubt seine Lehrerin Hélène besorgniserregende Veränderungen an ihm festzustellen. Doch keiner will das hören. Théos Eltern sind geschieden und mit sich selbst beschäftigt. Der Junge funktioniert und kümmert sich um die unglückliche Mutter und den vereinsamten Vater. Um ihren Sohn müssen sie sich keine Sorgen machen. Doch Théo trinkt heimlich, und nur sein Freund Mathis weiß davon. Der Alkohol wärmt und schützt ihn vor der Welt. Eines Tages wird ihn der Alkohol ganz aufsaugen, das weiß Théo. Doch wer sollte ihm helfen? Hélène, seine Lehrerin, würde es tun, wie aber soll das gehen, ohne dass er die Eltern verrät? Mathis beobachtet das alles voller Angst. Zu gerne würde er sich seiner Mutter anvertrauen, allerdings ist Théo sein einziger Freund. Und einen Freund verrät man nicht. Außerdem würde er damit auch demjenigen in den Rücken fallen, der den Minderjährigen den Alkohol besorgt. Und der ist es, der das gefährliche Spiel in dem schneebedeckten Park vorschlägt, bei dem Théo bewusst den eigenen Tod in Kauf nimmt.

Quelle: DuMont Buchverlag  

 

 

Was mir Loyalitäten von Delphine de Vigan bewusst gemacht hat:
Ein Roman braucht keine 400 Seiten, um dir den Boden unter den Füßen wegzuziehen.
Ein Kind muss keine pysische Gewalt erfahren, um körperlich zu zerbrechen.
Leid ist aber immer irgendwie sichtbar, manchmal muss man nur genauer hinsehen.
Loyalität verbindet man eigentlich mit durchweg positiven Aspekten, aber Delphine de Vigan zeigt auch die Schattenseiten dieser Charaktereigenschaft.

Théo Lubin ist ein Scheidungskind wie viele. Wöchentlich pendelt er mit seinem wichtigsten Hab und Gut beladen zwischen seinen Eltern hin und her, die seit Jahren keinen Kontakt mehr haben. Weder holt ihn jemand ab, noch bringt ihn jemand in die Obhut des jeweils anderen. Der Vater, arbeitslos und depressiv, verwahrlost in seiner zugemüllten Wohnung zunehmend, während sich die Mutter mit ihrer Verachtung ihm gegenüber nicht zurück hält. Und nach einer Woche beim Vater lässt sie auch ihren Sohn spüren, dass er wieder im feindlichen Lager war und straft ihn an den ersten gemeinsamen Tagen mit Missachtung. Die emotionale Kälte wird für Théo unerträglich und reißt Löcher in seine Kindheit, die nicht einmal sein bester Freund Mathis zu füllen vermag – aber der Alkohol lässt ihn wenigstens vergessen… 

 

Eines Tages möchte er gerne das Bewusstsein verlieren, völlig.
Sich für ein paar Stunden oder für immer in das dicke Gewebe der Trunkenheit fallen lassen, sich davon bedecken, begraben lassen, er weiß, dass so etwas vorkommt.
(Seite 14)

 

Auch wenn Théos Leid in dieser Geschichte wohl den emotionalsten und größten Platz einnimmt, geht es in Loyalitäten genau genommen um vier Schicksale, die die Autorin mit einer gewissen Sogwirkung geschickt miteinander verknüpft.
Zum einen spürt seine Lehrerin Hélène Destrée, dass mit ihrem jungen Schüler etwas nicht stimmt, hat aber keine stichhaltigen oder gar körperlich sichtbaren Anhaltspunkte, um direkt eingreifen zu können. Auch nach mehrmalig gestreuten Hinweisen an den Schulleiter, hat sie keine Befugnis erhalten, näher in Théos Umfeld einzutauchen. Doch ihre Erfahrungen, die auf ihre eigene Misshandlung in der Vergangenheit zurückzuführen sind, haben sie gelehrt, dass Kinder oft versuchen ihre Eltern schützen, auch wenn dieser Pakt des Stillschweigens sie das Leben kosten könnte.
Mathis verdrückt sich mit seinem besten Freund Théo in den Pausen gerne mal in ihr gemeinsames Geheimversteck, um sich aus verbotenen Schnapsflaschen ein Schlückchen zu genehmigen. Seine Loyalität wird allerdings auf eine harte Probe gestellt, als er endlich bemerkt, dass Théos Alkoholkonsum immer wichtiger für ihn wird und er beim Trinken immer mehr Grenzen überschreitet.
Die vierte erzählende Person ist Mathis Mutter Cécile, die zwar ebenfalls bemerkt, dass Théo Probleme hat, aber zu sehr mit ihrer eigenen Familiengeschichte beschäftigt ist, als hilfreich einzuschreiten. Stattdessen versucht sie ihrem Sohn den Umgang mit dem besten Freund zu verbieten. 

 

Das nennt sich „Koma durch Ethanolvergiftung“.
Er mag die Wörter, ihren Klang und ihr Versprechen: ein Augenblick des Verschwindens, des Wegtauchens, in dem man niemanden mehr etwas schuldig ist.
(Seite 115)

 

Abwechseln und in kurzen Kapiteln unterteilt, kommen also diese vier Protagonisten zu Wort und folgen dabei einer Abwärtsspirale, die einem am Ende fast sprachlos zurücklässt. Man sieht es durchaus kommen, aber trotzdem ging mir jedes einzelne Schicksal unheimlich nah.
Alle sind irgendwie kaputt und einsam, dürsten nach Betäubung und Ausbruch – ob das nun die trinkenden Kinder, die traumatisierte Lehrerin oder die Vorzeigeehefrau ist.
Dabei hat man nie das Gefühl, dass Delphine de Vigan hier eine Mitleidsnummer fährt, denn geht es nicht ums Bedauern, sondern um den kritischen Blick auf die maroden Strukturen unserer Gesellschaft. Viel zu oft schauen wir lieber weg, ignorieren Anzeichen oder nehmen sie nicht ernst. Und dementsprechend bleibt es ein bitteres Buch, das aufgrund der Schwere manchmal kaum zu verkraften ist – wäre da nicht dieser kleine Funke Hoffnung, der immer wieder zwischen den Zeilen herausblitzt.

 

 

Ein großartiges Buch! Zeitgemäß, offen, ehrlich, schonungslos und wahrhaftig.
Selbst wenn Wegsehen und Schönreden oft einfacher ist – schaut hin und handelt, auch wenn es unbequem erscheint.
Loyalitäten von Delphine de Vigan wird mich so schnell nicht mehr loslassen und mir definitiv noch lange zu denken geben.
Absolute Leseempfehlung!

 

 

♥ Vielen Dank an den DuMont Verlag  für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über die Autorin 

Delphine de Vigan, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman ›No & ich‹ (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman ›Nach einer wahren Geschichte‹ (DuMont 2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Bei DuMont erschien außerdem 2017 ihr Debütroman ›Tage ohne Hunger‹ und 2018 der Roman ›Loyalitäten‹. Die Autorin lebt mit ihren Kindern in Paris.

Quelle: DuMont Buchverlag 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.