Rezension Margaret Atwood – Die Zeuginnen

Rezension Margaret Atwood – Die Zeuginnen

Autor: Margaret Atwood
Titel: Die Zeuginnen
Herausgeber: Piper Verlag 
Datum der Erstveröffentlichung: 10. September 2019
Buchlänge: 576 Seiten
Titel der Originalausgabe: The Testaments
ISBN: 978-3-8270-1404-7
Preis: HC 25,00€ / eBook 22,99€
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 Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt 

 

 

„Und so steige ich hinauf, in die Dunkelheit dort drinnen oder ins Licht.“ – Als am Ende vom „Report der Magd“ die Tür des Lieferwagens und damit auch die Tür von Desfreds „Report“ zuschlug, blieb ihr Schicksal für uns Leser ungewiss. Was erwartete sie: Freiheit? Gefängnis? Der Tod? Das Warten hat ein Ende! Mit „Die Zeuginnen“ nimmt Margaret Atwood den Faden der Erzählung fünfzehn Jahre später wieder auf, in Form dreier explosiver Zeugenaussagen von drei Erzählerinnen aus dem totalitären Schreckensstaat Gilead. „Liebe Leserinnen und Leser, die Inspiration zu diesem Buch war all das, was Sie mich zum Staat Gilead und seine Beschaffenheit gefragt haben. Naja, fast jedenfalls.Die andere Inspirationsquelle ist die Welt, in der wir leben.“

Quelle: Piper Verlag   

 

 

Wie ihr in meiner Rezension zu Der Report der Magd vielleicht mitbekommen habt, bin ich erst relativ spät auf die Autorin Margaret Atwood gestoßen. Sicher, ich hatte einige Bücher von ihr schon seit längerem daheim stehen, auch oben genanntes, aber dazu gegriffen habe ich erst neulich. Und das hat sich jetzt durchaus zu einem Vorteil für mich entwickelt, da ich fast nahtlos mit Die Zeuginnen fortfahren konnte und mich nicht jahrelang fragen musste: Wie geht es weiter?

 

„Ich stell mir einfach vor, ihr seid Vögel, die davonfliegen“, sagte sie. 
„Denn die Vögel des Himmels tragen die Stimme fort.“
(Seite 489)

 

Ja, wie geht es denn nun weiter, etwa 16 Jahre, nachdem die Magd Desfred von einem Wagen abgeholt wurde, der sie wahrscheinlich in eines der berüchtigten Arbeitslager von Gilead bringt?
Knüpft das neue Buch tatsächlich da an, wo Der Report der Magd geendet hat?
Nicht ganz, aber soviel sei schon mal verraten: Margaret Atwood sind die Ideen für diese Fortsetzung definitiv nicht ausgegangen.

Ich war gerade am Anfang etwas irritiert, als mir nicht Desfred, sondern ihre frühere Peinigerin Tante Lydia als eine der drei aktuellen Ich-Erzähler von ihrem Leben und vergangenen Leiden berichtet hat. Es war interessant zu erfahren, wie sie als Frau ein Stück weit Macht als Tutorin der Mägde im Staat Gilead erlangte und durch ihren Scharfsinn so ziemlich jeden Machthaber in der Hand zu haben scheint. Lydia leitet das Haus Ardua, in dem die gefürchteten Tanten ausgebildet werden, hat aber über Jahre auch belastendes Material über die Regime-Elite gesammelt. Für mich die wohl interessanteste Figur aus dem neuen Buch. 

Die zweite Erzählerin stellt sich als Daisy heraus, die in Kanada ein ganz normales Teenagerleben führt, bis ihre vermeintlichen Eltern plötzlich ermordet werden. Erst da erfährt sie, dass sie als Baby aus Gelead herausgeschmuggelt wurde. 

Die dritte im Bunde ist Agnes Jemima, Tochter eines Gillead Kommandanten. Als sie mit dreizehn verheiratet werden soll, verlässt sie ihr Elternhaus und lässt sich zur Tante ausbilden.

Und diese drei Heldinnen sollen nun das Regime stürzen, nur verbunden über die kleine Nicole, ein Baby, das von seiner Mutter, einer Magd, 15 Jahre zuvor über die Grenze nach Kanada gebracht worden ist.
Aufgrund der von Margaret Atwood häufig gestreuten Vorahnungen: wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiß, ist zwar relativ schnell klar, wer Nicole wohl heute ist, trotzdem bleibt es spannend zu erfahren, wie ebenjene jetzt nach Gilead zurückgebracht wird und wie sie in diesem frauenfeindlichen Kontrollstaat zurechtkommt. 

Was ich jedoch etwas vermisst habe, war die schon fast spürbare Verzweiflung und Ausweglosigkeit der Betroffenen aus Der Report der Magd, sowie die fehlende Dimension der Männer – die differenziert beschriebenen männlichen Protagonisten und die verschiedenen Einblicke ins männliche Gehirn.
Was genau hält diese Herrschaft eigentlich am Laufen? Wie verändert sich die Misogynie in der jetzigen Zeit, verändert sie sich überhaupt? Was passiert mit Männern, die sich verlieben?
Während wir zwar nach und nach erfahren, was die Zeit mit Desfred und den anderen Protagonisten macht oder gemacht hat, bleiben bei mir am Ende sehr viele Fragen offen, aus denen eine mindestens genauso interessante Geschichte gemacht werden könnte. Aber wer weiß, vielleicht hat Margaret Atwood nach diesem Buch noch Zeit für einen Teil drei. 

 

 

Margaret Atwood hat in Die Zeuginnen drei interessante Heldinnen erschaffen, deren Einsatz letztendlich zum Fall des Gilead Regimes führen soll.
Es ist eine Befreiungsgeschichte, mit etwas weniger Melodramatik, aber mehr Einblicken in die Widerstandsaktionen.
Die Inszenierung des menschenfeindlichen, heuchlerischen und intriganten Regimes ist ihr zwar erneut gelungen, aber für mich reicht diese Fortsetzung nicht an Der Report der Magd heran – wobei man dazu sagen muss, dass dieses Buch trotz allem nicht weniger 5 Sterne verdient hat. 

 

 

♥ Vielen Dank an den Piper Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über die Autorin 

Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Ihr „Report der Magd“ wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Bis heute stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und Strömungen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Pen-Pinter-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood lebt in Toronto.

Quelle: Piper Verlag   

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