Rezension Andrea De Carlo – Das wilde Herz

Rezension Andrea De Carlo – Das wilde Herz

Autor: Andrea De Carlo
Titel: Das wilde Herz
Herausgeber: Diogenes Verlag
Datum der Erstveröffentlichung: 22. Juli 2020
Buchlänge: 464 Seiten
ISBN: 978-3-257-24539-4
Preis: TB 13,00€ / eBook 10,99€
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♥ Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt 

 

 

Mara liebt ihr altes Haus in Ligurien. Im Sommer arbeitet sie dort an ihren Skulpturen. Ihr Mann hingegen, ein Anthropologe, mag weder Haus noch Dorf und zieht sich in die Welt der Wissenschaft zurück. Als das Dach einstürzt und ein mysteriöser Typ aus dem Ort anbietet, es zu reparieren, kann Mara nicht nein sagen, obwohl sie damit ihre Ehe aufs Spiel setzt.

Quelle: Diogenes Verlag 

 

 

 

 

Es gibt Bücher, die hat man gefühlt schon ein Leben lang auf seinem Wunschzettel stehen und doch kommt man nie dazu, sie davon zu befreien und endlich selbst zu lesen. Ähnlich erging es mir auch mit Das wilde Herz von Andrea De Carlo, das zwar nur knapp ein Jahr sein Leben auf dieser Liste fristen musste, mir aber trotzdem nie so richtig aus dem Kopf gehen wollte.
Nun habe ich es endlich vor mir, beendet und zur Besprechung bereit, und doch fehlen mir ein wenig die Worte, um das auszudrücken, was mir beim Lesen so alles durch den Kopf ging.

Die italienische Künstlerin Mara ist seit ein paar Jahren mit dem Engländer Craig verheiratet, der als Anthropologe schon die entlegensten Gegenden besucht und deren Völker studiert hat. Den Sommer verbringen die beiden stehts in ihrem Ferienhaus in Italien, das Mara schon vor ihrer Beziehung regelmäßig bewohnt hat, doch in diesem Urlaub läuft alles anders als geplant. Denn gleich zu Beginn stürzt Craig bei einer Begehung durchs Dach und ist fortan für einige Zeit in seinen Bewegungen gehandicapt. Auch müssen jetzt noch zusätzlich Handwerker aufgetrieben werden, die das Chaos wieder beseitigen und dabei stoßen sie auf Ivo, der durch seinen ungehobeltes und zwielichtiges Auftreten Craig gegenüber nicht gerade vertrauensselig wirkt. Mara hingegen verhält sich Ivo aufgeschlossener gegenüber und setzt dabei bald ihre gesamte Beziehung aufs Spiel.

 

Wie man es auch dreht und wendet, heute zu bereuen, dass er das Haus in Canciale gekauft hat, ist unlogisch und vollkommen sinnlos. Jedes Ereignis ist das Ergebnis einer endlosen Kette von miteinander verknüpften Ereignissen; sich vorzustellen, wie die Gegenwart aussehen würde, wenn man im Nachhinein ein Kettenglied austauschen könnte, ist reine Zeitverschwendung.
(Seite 27)

 

Die Geschichte um Mara, Craig und Ivo wird abwechselnd aus der Sicht der drei Hauptprotagonisten erzählt, was mir einen sehr tiefen und persönlichen Einblick in ihre Gedanken, aber auch in ihre Beweggründe bestimmter Verhaltensweisen gegeben hat. Zudem wirken sie durch diesen Erzählstil auch greifbarer und somit kann man sich relativ schnell mit ihnen anfreunden.
Die Handlung selbst allerdings, schreitet dadurch leider sehr schleppend voran, da der Autor sich auch viel wiederholt und immer wieder minutiös und äußerst detailreich beschriebt, was in den Köpfen des jeweils Handelnden vorgeht. Normalerweise finde ich so etwas toll, denn ich liebe es, in die Charaktere hineinzutauchen, um möglichst viel über sie zu erfahren, aber wenn sich eine rhetorische Frage an die nächste, nur leicht abgewandelte, reiht, kann das auch schnell ermüdend wirken.

Zudem fand ich Craig als Person nicht leicht zu ertragen. Er fühlt sich eigentlich allen überlegen, meckert wo es nur geht und genießt, im Gegensatz zu seiner Frau Mara, keinen einzigen Tag in ihrem Ferienhaus. Durch sein anthropologisches Wissen meint er jeden zu durchschauen und seine selbstgerechte Art scheint nur durch seine damalige Affäre mit einer seiner Studentinnen einen keinen Knick bekommen zu haben. Selbst nach dem Einsturz des Daches zieht er keine Konsequenzen oder verlässt den Ort, den er doch offensichtlich so verabscheut, sondern lebt sein Leben weiter, neben seiner Frau, ohne glücklich zu sein.
Und während Craig über das wilde Herz schreibt, lebt Mara es.
Nur warum? War seine Affäre der Auslöser für die schlechte Harmonie der beiden oder lediglich ein Symptom?
Soll man ihn als Charakter vielleicht erst gar nicht mögen, um die Hingabe seiner Frau zu Ivo besser verstehen zu können?
Um es kurz zu machen: Ich weiß es nicht, aber letzten Endes hat sein Verhalten dazu beigetragen, dass ich mir über das Buch doch mehr Gedanken gemacht habe, als ich es eigentlich wollte – und das ist immerhin ein sehr positiver Effekt.

 

Es ist eine Tatsache, dass Millionen von Menschen rein gar nichts dafür tun, um die Probleme in ihrem Leben zu lösen, ihr Wissen zu erweitern und sich selbst (oder gar die Welt) zu verbessern, sondern lieber hemmungslos die niedrigsten Gefühle ausleben.
(Seite 11)

 

Trotz dieser beiden Mängel wollte ich dennoch wissen, wie die Geschichte wohl endet und dank des sonst sehr angenehmen Schreibstils kommt man auch relativ schnell durch die Seiten.
Das Ende habe ich zwar schon fast erwartet, trotzdem hat es mich nochmal wachgerüttelt und mir gezeigt, dass eine Beziehung nie etwas selbstverständliches werden darf.
Man muss an ihr Arbeiten und sie pflegen, sonst bricht am Ende alles ein.

 

 

Eine Dreiecksgeschichte um wilde Herzen und zerstörte Illusionen.
Auch wenn mich die Geschichte nicht komplett einnehmen konnte, möchte ich dennoch mehr von diesem Autor lesen – eine Freundin von mir schwärmt regelrecht von seinen anderen Büchern.

 

 

♥ Vielen Dank an den Diogenes Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über den Autor
Andrea De Carlo, geboren 1952 in Mailand, lebte nach einem Literaturstudium längere Zeit in den USA und in Australien. Er war Fotograf, Maler und Rockmusiker, bevor ihm 1981 mit seinem ersten Roman, ›Creamtrain‹, der Durchbruch gelang. Acht Jahre später legte er den Roman ›Zwei von zwei‹ vor, der zum Kultbuch einer ganzen Generation wurde. Andrea De Carlo lebt in Mailand und in Ligurien.

Quelle: Diogenes Verlag

 

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