Rezension Haruki Murakami – Die Chroniken des Aufziehvogels (Neuübersetzung)

Rezension Haruki Murakami – Die Chroniken des Aufziehvogels (Neuübersetzung)

Autor: Haruki Murakami
Titel: Die Chroniken des Aufziehvogels (Neuübersetzung)
Herausgeber: Dumont Verlag
Datum der Erstveröffentlichung: 13. Oktober 2020
Buchlänge: 1005 Seiten
Titel der Originalausgabe: Nejimaki-dori kuronikuru
ISBN: 978-3-8321-8142-0
Preis: HC 34,00€ / eBook 26,99€
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♥ Dieser Beitrag enthält Werbung, da es sich um ein Rezensionsexemplar handelt 

 

 

Ein unzufriedener Mann, ohne Arbeit, von seiner tüchtigen Frau zur Selbsterforschung ermutigt: So einer ist Toru Okada. In sein fades Dasein brechen plötzlich Unbekannte mit ihren Geschichten ein und verunsichern ihn in seinen Gewissheiten. Und selbst seine Frau erscheint ihm plötzlich fremd. Unter dem Alltagsleben der Großstadtgesellschaft wirken noch andere Kräfte: geheime Begierden, die Historie des japanisch-chinesischen Krieges oder gar so etwas Altmodisches wie das Schicksal.

Quelle. Dumont Verlag

 

 

 

Jetzt ist es also passiert: Ich habe endlich meinen ersten Murakami gelesen!
Bereits vor vielen Jahren haben mir die unterschiedlichsten Menschen diesen Autor schon ans Herz gelegt, aber wie das oft so ist, kam immer wieder ein anderes Buch dazwischen.
Doch als der Dumont Verlag eine Neuübersetzung des bereits 1998 erschienenen Romans mit dem Titel Mister Aufziehvogel angekündigt hat, habe ich die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und mir diesen über eintausend Seiten langen Roman zu Gemüte geführt (1005 um genau zu sein).

 

Der dreißigjährige Toru Okada laviert sich nach und nach in eine handfeste Lebenskrise hinein: er hat seinen ungeliebten Job in einer Anwaltskanzlei hingeschmissen , nacheinander verschwinden zuerst sein Kater und dann seine Ehefrau Kumiko und jetzt setzt ihn auch noch sein mächtiger Schwager Noboru Wataya unter Druck, sich scheiden zu lassen. Gleichzeitig begegnen ihm eine Reihe von Menschen, die seine Wahrnehmung der Welt gehörig ins Wangen bringen, wie etwa die hellseherischen Schwestern Kreta und Malta Kano oder die sechzehnjährige Nachbarin May Kasahara.
Von da an beginnt ein leidlich erfolgreicher Selbstfindungsprozess für Toru, der von May auch scherzhaft Herr Aufziehvogel genannt wird, und durch Traum und Wirklichkeit Richtung Ziel will er auf jeden Fall am Ende Kumiko zurückgewinnen.

 

In einem benachbarten Hain mit Bäumen kreischte regelmäßig ein Vogel, den wir den “Aufziehvogel“ nannten, weil er klang, als würde man eine Feder aufziehen. Den Namen hatte Kumiko ihm gegeben. Wie er wirklich hieß, wussten wir nicht. Auch nicht, wie er aussah. Dessen ungeachtet kam der Aufziehvogel jeden Tag in den Hain und zog die stille Welt auf, deren Teil wir waren.
(Seite 15)

 

Da ich die alte Version von Die Chroniken des Aufziehvogels nicht kenne, kann ich leider auch nicht bewerten, ob die Neuübersetzung nun gelungen ist oder nicht, aber was ich durchaus sagen kann: Dieses Buch hier wird bestimmt nicht mein letztes von Murakami gewesen sein!

Ich wurde sofort hineingezogen in die überaus fein gesponnene und vielstränige Handlung und empfand den Schreibstil von Anfang an als leicht, humorvoll und tiefsinnig.
Unterschiedliche Handlungsstränge, mal mehr mal weniger lose verknüpft, behandeln Probleme der gesellschaftlichen und persönlichen Gegenwart von Toru und enden in einem Showdown, den ich so überhaupt nicht erwartet hätte.
Immer wieder tritt eine Vielzahl von neuen Figuren aus dem Dunstkreis des Protagonisten heraus, ohne die Geschichte unübersichtlich zu machen, und zusätzlich sorgen Briefe und Zeitungsartikel für leichte, aber auch herrlich skurrile Abwechslung.

Skurril ist wohl auch das Wort, das diesen Roman für mich am besten zusammenfasst, denn auch wenn die reale Welt von Toru meist im Vordergrund steht, durchringen, je weiter man voranschreitet, immer mehr Visionen das Leben des Herrn Aufziehvogels.
Stetig zieht sich eine nicht dingfest zu machende, pulsierende Unruhe wie ein roter Faden durch das Buch und sogar bei Torus tiefgehenden Selbstreflexionen, kommt nie wirklich ersthafte Ruhe auf. Von überall her gibt es emotionale Störfeuer – mal realer, mal imaginierter Natur.

 

Sagen wir mal, die Menschen würden ewig leben, nie älter werden und die ganze Zeit über gesund bleiben. Meinen Sie, die würden überhaupt noch nachdenken, so wie wir? Wir machen uns doch Gedanken über mehr oder weniger alles. Philosophie, Psychologie, Logik, Religion, Literatur und so. Aber ohne den Tod käme doch kein Mensch auf so komplizierte Ideen.
(Seite 406)

Murakami selbst, erzählt dies alles mit einer ausgefeilten Metaphorik, die sich auch den Bereichen der Natur und der Architektur bedient, aber nicht immer unbedingt Sinn ergeben – und trotzdem regen sie immer wieder zum Nachdenken an. Beispielsweise dieser Moment, wenn Toru Okada über die Balance von Ursache und Wirkung sinniert oder seine Beziehung zu seiner Frau in Frage stellt.

 

Ist es möglich, dass ein Mensch einen anderen ganz und gar versteht?
(Seite 39)

 

Hier geht es nicht um konkrete Antworten, sondern um die Schönheit der Fragen. Es geht um Akzeptanz und darum, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt, sondern dass diese immer perspektivisch ist und sich mitunter auch verschieben kann.
Manchmal kann das kräftezehrend sein, auch für uns Leser, aber es lohnt sich!
Lehnt euch zurück und genießt dieses Werk – vielleicht auch allein am Grund eines ausgetrockneten Brunnens 😉 – ich jedenfalls, hab es mehr als genossen.

 

 

 

Die Chroniken des Aufziehvogels von Haruki Murakami ist wunderschön ruhiger, warmherziger, irritierender und bizarrer Roman, der mit lockerer Hand verfasst und sehr gut übersetzt wurde. Voller überraschender Wendungen und Selbstreflektionen, die mich oft zum Nachdenken gebracht haben.

Meine Liebe zu Murakami wurde definitiv geweckt und deswegen gibt es auch eine klare Leseempfehlung von mir!

 

 

♥ Vielen Dank an den Dumont Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars! ♥

 

 

Über den Autor
Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, lebte längere Zeit in den USA und in Europa und ist der gefeierte und mit höchsten Literaturpreisen ausgezeichnete Autor zahlreicher Romane und Erzählungen. Sein Werk erscheint in deutscher Übersetzung bei DuMont. Zuletzt erschien der Roman ›Die Ermordung des Commendatore‹, Band 1 und 2 (2018) sowie ›Die Chroniken des Aufziehvogels‹ (Neuübersetzung 2020).

Quelle: Dumont Verlag

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